CN: Gewalt, Tod, Krieg, Verstümmelung, Verlust der Eltern, Verlust der Partnerperson, Politik
Als ich dieses Buch endlich zur Hand nahm, wusste ich bereits, dass es den Hugo Award 2026 für Best Novel gewonnen hatte. Was mich allerdings mehr abgelenkt hat, war der Gedanke, wie wohl meine Mitlesenden im Hugo-Award-Buchclub darüber denken würden.
Zeitreise-Geschichten finde ich im Allgemeinen einerseits verwirrend und andererseits scheinen mir irgendwo immer die Vorgaben zu brechen. Ein (zufällig gewähltes) Beispiel dafür: Du kannst nicht in einen Teil deiner vergangenen Lebenszeit (zB deine eigene Kindheit) zurückreisen. Oft kommt es mir dann so vor, als wären diese Regeln absichtlich so kompliziert gestaltet, dass selbst bei einem Bruch immer irgendwo ein Schlupfloch ist. Wodurch die Leser:in so verwirrt wird, dass es sich gar nicht mehr lohnt, den Prämissen überhaupt zu folgen. Um diesen winzigen Aspekt vorwegzunehmen: Bei diesem Buch konnte ich bei aufmerksamem Lesen binnen weniger Tage keinen offensichtlichen Bruch entdecken.
Once there was a woman who wanted more than she was given. She wanted it so badly that she shattered time itself beneath her heel and pieced it back together in the way that suited her best. History no longer simply happened, like an accident; it was told, like a story. And the queen told it many times.
Zu Beginn hatte ich Schwierigkeiten, in die Geschichte hineinzukommen. Der Beginn des ersten Kapitels aus Owen Mallorys Perspektive beginnt mit der Zeitangabe „several years after the war“, wodurch zumindest ich dazu verleitet wurde, eine Verortung in unserer realen Geschichtsebene zu versuchen. Ein vergeblicher und unnötiger Versuch, denn das Buch spielt in dem fiktiven Staat Dominion, der Ähnlichkeiten zu Großbritannien aufweist, aber seine eigene Welt darstellt. In dieser Welt lernen wir Owen als neurotischen, psychisch instabilen Kriegsveteranen und Wissenschaftler kennen, der sich an ein angeblich nicht existierendes Buch klammert. Bis ihm ein Brieföffner in die Hand gerammt wird und er sich an einem anderen Ort und einer anderen Zeit wiederfindet.
Es ist schwierig, über den Zeitreise-Aspekt dieser Geschichte zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Die Zeitreise stellt die Basis für den romantischen und den politischen Teil. Hier stellte ich außerdem Parallelen zu unserem anderen Hugo-Award-Favoriten Death of the Author fest: Hier wie dort wird explizit auf die Bedeutung von Geschichten verwiesen. Die Geschichten, die Menschen sich über ihre Gesellschaft und ihre Vergangenheit erzählen, liefern die Form, in die wir unsere Persönlichkeiten und Erfahrungen einordnen (how we make sense of the world). Das Ziel der Antagonistin in diesem Buch ist es, die Geschichte so lange (und so oft) zu manipulieren, bis sie zu dem gewünschten Ergebnis gelangt.
It is not a lesson, until we learn it. It is not a story, until we tell it. And every story serves someone.
Als große Stärke des Buchs empfand ich die differenzierten Charaktere. Neben den Hauptfiguren Una, Owen und Vivian (lt. meiner Mitlesenden die perfekte super-villain) haben auch die Nebenfiguren Hintergründe, Wünsche und Fehler. Owens Beziehung zu seinem Vater, die in einer späteren Zeitebene eine überraschende Tiefe erhält. Owens Kollegen: Harrison, selbst ein Opfer von Vivians Machtstreben, und Gilda Sawbridge, die trotz ihrer sehr unterschiedlichen Schicksale immer an die Wahrheit der Wissenschaft glaubt. Sogar der letzte lebende Drache, den Una auf Befehl der Königin erlegen soll, hat so viel Persönlichkeit, dass ich mich selbst beim hörbaren Seufzen vor lauter Mitleid für das Tier erwischte.
In der Verbindung von Romantasy und Zeitreise versteckt Alix E. Harrow Anmerkungen über Gender oder Rassismus. An einer Stelle lässt sie Una darüber sinnieren, ob sie lieber als Mann wahrgenommen werden will (der sie nicht ist) oder lieber daran scheitern will, das Weibliche zu repräsentieren, das sie ist. Rassismus gegenüber den Feinden des Königreichs Dominion erfährt Owen, der zwar in Dominion geboren ist, aber aufgrund seines Aussehens als Ausländer wahrgenommen wird. Ich sehe hier keinen mahnenden Zeigefinger, ich sehe Ergänzungen zu den Geschichten, die nicht nur unsere Vergangenheit, sondern auch unsere Gegenwart und Zukunft formen.
Wenn ihr mit (heterosexueller) Romantasy gar nichts anfangen könnt, dann wird euch dieses Buch vermutlich keine Freude bereiten. Der Romantik-Aspekt ist trotz des ganzen Blut-Vergießens wesentlicher Bestandteil der Geschichte. In dieser Romantasy steckt aber auch eine Parabel auf die Frage nach der Wahrheit und woran wir diese überhaupt erkennen können, wenn wir nicht wissen, wer von den Geschichten, die uns erzählt werden, gerade profitiert.
It is not a lesson, until we learn it. It is not a story, until we tell it. And every story serves someone.