Categories
English Roman

Vincenzo Latronico – Perfection

CN: sexuelle Handlungen


Aus einem Lithub-Artikel (den ich nicht abgespeichert habe und jetzt nicht mehr finde) über kurze novels habe ich dieses Buch ausgewählt, weil es in der Overdrive eLibrary verfügbar war. Warum nicht mal eine kurze Ablenkung zwischendurch? Wie es diese „Geschichte“ jedoch auf diese Empfehlungsliste geschafft hat, ist mir weitgehend unklar.

In einem langen ersten Kapitel wird eine Wohnung in ausführlichstem Detail beschrieben. Es fühlte sich an, als würde ich den sehr ausführlichen Alternativtext eines IKEA-Katalogs lesen. Da es aber ohnehin ein kurzes Buch sein sollte, blieb ich dran, bis sich endlich Protagonist:innen zeigten.

Anna and Tom lived in a bubble, one even more insular and limited than those just starting to appear on social media. 

Anna und Tom sind aus einem nicht näher beschriebenen südlichen Land nach Berlin gezogen, um dort ihren kreativen Tätigkeiten nachzugehen. Hier können sie sich endlich entfalten und sogar neu erfinden. Sie teilen ein Büro, in dem sie lange Arbeitstage verbringen. An den Wochenenden ziehen sie mit anderen Expats von Parties zu Galerien zu Clubbings, bis schließlich der Montag die nächste Arbeitswoche einläutet.

And yet, for whatever reason, they never seemed to find what they were looking for. 

Mit (viel zu) vielen Worten wird beschrieben, was wir als Instagram-Illusion kennen: Die Fotos anderer Menschen sind so perfekt, dass sie uns an unserem eigenen langweiligen Leben zweifeln lassen. Das Gras ist woanders immer grüner, die Speisen auf besonderen Keramiktellern sind perfekt ausgeleuchtet, die Sonnenuntergänge endlos, die Träume werden wahr. Mit dem kleinen Problem, dass ein auf einem Foto festgehaltener Moment der Perfektion nie das wahre Leben widerspiegeln kann.

Achtung, es folgt ein schamloser Spoiler.


Der Witz an der ganzen Sache ist, dass Anna und Tom am Ende ihre Erfüllung darin finden, diese Art von Illusion für andere zu erschaffen. Anstatt die Perfektion für sich selbst woanders zu suchen, basteln sie an einem Stück Perfektion für andere. Vermutlich ist es dieser Zirkelschluss, der genial genug erscheinen mag, um die Langeweile dieses Buchs wegzuwischen. Für mich war das aber nicht genug.

Categories
Fantasy Roman

Nora Bendzko – Die Götter müssen sterben

CN: Gewalt, Tod, Krieg, Inzest, abgetrennte Gliedmaßen, Feuer, Verstümmelung, Vergewaltigung, Tod von Angehörigen, Mord an Kindern … (Ich bin echt nicht zart besaitet, aber hier wird an Greueln kaum etwas ausgelassen.)


Vor einiger Zeit hatte ich auf Mastodon nach speziellen Leseempfehlungen gefragt, die Ergebnisse hatte ich dann in diesem Post aufgelistet. Nora Bendzko wurde damals zwar nicht genannt, wurde mir aber von einer lieben Person als Reaktion auf diese Frage geliehen. Seit letztem Jahr stand das Buch in meinem Regal der ungelesenen Bücher, das ich von der Couch aus sehen kann. Immer wieder starrte ich auf den Titel, der in seiner direkten Brutalität schon die Gewalt andeutet, die das Buch entscheidend prägt.

Die Geschichte basiert auf Personen und Erzählungen aus der griechischen Mythologie. Im Zentrum steht der Amazonenstamm unter der Königin Penthesilea. Die Amazonen werden als grausame Kriegerinnen beschrieben, die sich vom Durst nach Gewalt und Blut mitreißen lassen. Ihre göttliche Hüterin ist Artemis, der die Königinnen der Amazonen ihre männlichen Nachkommen opfern. Denn die Tradition der Amazonen verlangt es, dass die Königinnen nur weibliche Kinder aufziehen dürfen. Der Kriegsgott Ares fordert es für sich, als alleiniger Vater diese Kinder zeugen zu dürfen. Damit geht natürlich auch einher, dass Ares mit seinen eigenen Töchtern immer wieder Nachkommen zeugt. In der Schlacht um die Stadt Troja stehen sich schließlich Göttinnen und Götter, Königinnen und Helden, Amazonen und Griechen in einem grausamen Vernichtungskampf gegenüber.

Es ist ein ziemliches Kontrastprogramm, dass es der Autorin gleichzeitig gelingt, moderne feministische Konzepte in die Gesellschaft der Amazonen einfließen zu lassen. Homosexuelle Liebe wird nicht nur akzeptiert, sondern als gleichwertig anerkannt. Nicht-binäre Personen (hier Vielselige genannt) und asexuelle Charaktere finden ebenfalls einen Platz in dieser Gesellschaft. Bis zum Schluss konnte ich es für mich nicht miteinander in Einklang bringen, dass eine Gesellschaft gleichzeitig so fortschrittlich und gewaltvoll sein soll. Das Nachwort der Autorin bringt ein bißchen Licht ins Dunkel. Nora Bendzko schreibt, dass es „nicht in ihrem Interesse“ war, „das Gewalttätige und Furchteinflößende auszublenden“. Sie schreibt weiter über die „transformative Kraft von Wut“, die sie in ihren Amazonen auf ermächtigende Art wirken lässt. Und doch bleibt bei mir ein schaler Beigeschmack zurück. Warum sollte eine weiblich regierte Gemeinschaft genauso gewaltvoll herrschen wie eine männlich dominierte?

Trotz dieser Kritikpunkte muss ich zugeben, dass ich das Buch in nur vier Tagen weggelesen habe, weil es einfach mitreißend geschrieben ist. Die Perspektive wechselt zwischen verschiedenen Personen, was zu „natürlichen“ Cliffhangern führt, weil sich diese Personen einfach an unterschiedlichen Orten aufhalten und somit verschiedene Ereignisse erleben. Bei so manchem Detail musste ich innerlich den Kopf schütteln, aber es ist halt Fantasy. Wo das silberne Auge einer Göttin zum Zankapfel wird, brauchen wir uns auch von unrealistischen Schlachtszenen und Wunderheilungen nicht ablenken lassen.

Categories
Sachbuch

Robert Lorenz – Traumafabrik. Hollywood im Film

CN: Tod und Gewalt im Film, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Suizid


Für die USA besaß Hollywood stets eine zwiespältige Bedeutung: Einerseits galt es als unfassbarer Sündenpfuhl, als Ort der Dekadenz und Skandale, des moralischen Abgrunds; andererseits erschien es als ultimative Bestätigung des American Dream, als die weit sichtbare Verwirklichung des in der Verfassung verbürgten Rechts auf das »pursuit of happiness«.

Robert Lorenz beschäftigt sich in diesem Buch mit Filmen, die nicht nur aus Hollywood kommen, sondern auch Hollywood zum Thema haben. Die Protagonist:innen dieser Filme sind allzuoft angelehnt an die realen Persönlichkeiten im Filmbusiness. Für die Autor:innen dieser Filme ist es natürlich ein Leichtes, aus den realen Begebenheiten und Eigenheiten der exzentrischen Charaktere des Filmbusiness zu schöpfen.

Diese Charaktere werden in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens und ihrer Karrieren gezeigt. Es beginnt mit dem Traum, ein berühmter Filmstar zu werden, mit dem so viele junge Frauen und Männer nach Hollywood kommen (What Price Hollywood?, A Star Is Born, 1937 und 1954). Der Traum erfüllt sich natürlich nur für die wenigsten von ihnen. Und selbst diese werden zumeist nicht dauerhaft glücklich. Gerade A Star Is Born zeigt dabei gleichzeitig den Aufstieg sowie den Abstieg, der oft von Alkohol- und Drogenmissbrauch begleitet ist.

Im Grunde berührt die Entstehungsgeschichte der 1954er Auflage von A Star Is Born den Nukleus der Filmhandlung: die ebenso schöpferischen wie zerstörerischen Mechanismen des Showgeschäfts, die unabänderliche Nähe von Auf- und Abstieg innerhalb einer Starkarriere. Und beide – der fiktive Film wie dessen reale Entstehung – haben dieselbe Protagonistin: Judy Garland. 

Andere Filme zeigen diejenigen, deren großer Stern bereits gesunken ist. Hier kommt mein Interesse zum Tragen, ich bin wegen einer Recherche zu Sunset Boulevard bei diesem Buch gelandet. Hier sehen wir die Hollywood-Diva aus der Stummfilmzeit, die mit dem Tonfilm einfach nichts anfangen kann und der Zeit nachtrauert, als ihr die Welt zu Füßen lag. Lorenz schreibt von ihrer „am eigenen Ruhm erkrankte[n] Seele“. Ähnlich frustrierend ergeht es den Protagonistinnen von What Ever Happened to Baby Jane?, in dem gleich zwei Schwestern in erbittertem Kampf um den vergangenen Ruhm dem Abgrund entgegen driften.

Die edlen Materialien, die im Innern verbaut sind, die erlesenen Möbel und Accessoires, als das wirkt hier seltsam tot, wie die Stille eines Mausoleums, und führt den Zuschauer:innen die Tragik einer ungleichzeitigen Existenz vor Augen: Wie bedeutungs- und trostlos der materielle Wohlstand ist, wenn alles andere aus den Räumen entwichen, wenn die Ressource aus Ruhm und Anerkennung ausgerechnet für jene Menschen versiegt ist, die doch gerade davon – und manchmal nur davon – zehren.

Neben den Stars der Hollywood-Filme spielen auch die Produzenten (damals ausnahmslos Männer) eine wesentliche Rolle. Portraitiert werden sie zumeist als egozentrische Mistkerle, die ihre Untergebenen schamlos ausnutzen, um auf ihrem Rücken möglichst viel Geld zu scheffeln. Die oben bereits genannte Judy Garland ist ein bekanntes Beispiel für die menschenfeindlichen Methoden, unter denen die Darsteller:innen damals zu leiden hatten: Laut ihren eigenen Aussagen wurden ihr und den anderen Teenagerstars Amphetamine (zum Aufputschen) und Barbiturate (abends zum Schlafen) verabreicht, damit sie mit den stressigen Arbeitsbedingungen der Filmstudios mithalten konnten. Für Garland führte dies zu einem lebenslangen Kampf gegen Suchtkrankheit und schließlich zu einem Tod durch Überdosis.

The Day of the Locust ist ein Anti-Hollywoodfilm. Zeigen What Price Hollywood? oder die beiden A Star Is Born-Filme die Gescheiterten als unglückliche Ausnahmen, die sich von einem im Grundsatz intakten System nicht mehr integrieren lassen, so sucht man in The Day of the Locust vergebens nach einem positiven Aspekt der Filmstadt. So gut wie niemand im Film hat zu irgendeiner Form von Glück gefunden. 

Interessant fand ich auch, dass Anfang des 20. Jahrhunderts Hollywood als Filmmetropole noch gar nicht existierte. New York und Chicago waren damals die Metropolen, von denen aus die Geldgeber operierten. Ein Konsortium an großen Filmfirmen – die Motion Picture Patents Company (MPCC) – hielt alle relevanten Patente, die notwendig waren, um eine funktionierende Filmkamera herzustellen. Jedes Filmunternehmen musste also Lizenzgebühren an dieses Konsortium zahlen. Um diesem finanziellen Druck zu entgehen, siedelten sich Filmstudios in Kalifornien an, „um so weit wie nur irgend möglich von den an der Ostküste beheimateten Patenteignern zu drehen (und um sich notfalls über die mexikanische Grenze aus dem Staub machen zu können).“

Zwischen all der berechtigten Kritik schwingt natürlich des Autors Liebe zum Hollywood-Film immer mit. Wortgewaltig beschreibt er die Villen der Stars, wie sie als Kulissen in den Filmen zu sehen sind. Seine Beschreibungen erwecken die Filmsets mehr zum Leben als die wenigen Screenshots, die am Ende jedes Kapitels einen Eindruck des Films zeigen sollen. Positiv ist mir aufgefallen, dass nahezu durchgehend eine genderneutrale Sprache oder mit Doppelpunkt gegenderte Berufsbezeichnungen verwendet werden (zB Regisseur:innen). Die Frage nach dem Verlag, der sich das antut gefallen lässt dermaßen fortschrittlich zeigt, hat eine unerwartete Antwort: Das Buch ist im Selbstverlag bei Books on Demand (BoD) erschienen.

Categories
English Fantasy Roman

Alix E. Harrow – The Everlasting

CN: Gewalt, Tod, Krieg, Verstümmelung, Verlust der Eltern, Verlust der Partnerperson, Politik


Als ich dieses Buch endlich zur Hand nahm, wusste ich bereits, dass es den Hugo Award 2026 für Best Novel gewonnen hatte. Was mich allerdings mehr abgelenkt hat, war der Gedanke, wie wohl meine Mitlesenden im Hugo-Award-Buchclub darüber denken würden.

Zeitreise-Geschichten finde ich im Allgemeinen einerseits verwirrend und andererseits scheinen mir irgendwo immer die Vorgaben zu brechen. Ein (zufällig gewähltes) Beispiel dafür: Du kannst nicht in einen Teil deiner vergangenen Lebenszeit (zB deine eigene Kindheit) zurückreisen. Oft kommt es mir dann so vor, als wären diese Regeln absichtlich so kompliziert gestaltet, dass selbst bei einem Bruch immer irgendwo ein Schlupfloch ist. Wodurch die Leser:in so verwirrt wird, dass es sich gar nicht mehr lohnt, den Prämissen überhaupt zu folgen. Um diesen winzigen Aspekt vorwegzunehmen: Bei diesem Buch konnte ich bei aufmerksamem Lesen binnen weniger Tage keinen offensichtlichen Bruch entdecken.

Once there was a woman who wanted more than she was given. She wanted it so badly that she shattered time itself beneath her heel and pieced it back together in the way that suited her best. History no longer simply happened, like an accident; it was told, like a story. And the queen told it many times. 

Zu Beginn hatte ich Schwierigkeiten, in die Geschichte hineinzukommen. Der Beginn des ersten Kapitels aus Owen Mallorys Perspektive beginnt mit der Zeitangabe „several years after the war“, wodurch zumindest ich dazu verleitet wurde, eine Verortung in unserer realen Geschichtsebene zu versuchen. Ein vergeblicher und unnötiger Versuch, denn das Buch spielt in dem fiktiven Staat Dominion, der Ähnlichkeiten zu Großbritannien aufweist, aber seine eigene Welt darstellt. In dieser Welt lernen wir Owen als neurotischen, psychisch instabilen Kriegsveteranen und Wissenschaftler kennen, der sich an ein angeblich nicht existierendes Buch klammert. Bis ihm ein Brieföffner in die Hand gerammt wird und er sich an einem anderen Ort und einer anderen Zeit wiederfindet.

Es ist schwierig, über den Zeitreise-Aspekt dieser Geschichte zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Die Zeitreise stellt die Basis für den romantischen und den politischen Teil. Hier stellte ich außerdem Parallelen zu unserem anderen Hugo-Award-Favoriten Death of the Author fest: Hier wie dort wird explizit auf die Bedeutung von Geschichten verwiesen. Die Geschichten, die Menschen sich über ihre Gesellschaft und ihre Vergangenheit erzählen, liefern die Form, in die wir unsere Persönlichkeiten und Erfahrungen einordnen (how we make sense of the world). Das Ziel der Antagonistin in diesem Buch ist es, die Geschichte so lange (und so oft) zu manipulieren, bis sie zu dem gewünschten Ergebnis gelangt.

It is not a lesson, until we learn it. It is not a story, until we tell it. And every story serves someone.

Als große Stärke des Buchs empfand ich die differenzierten Charaktere. Neben den Hauptfiguren Una, Owen und Vivian (lt. meiner Mitlesenden die perfekte super-villain) haben auch die Nebenfiguren Hintergründe, Wünsche und Fehler. Owens Beziehung zu seinem Vater, die in einer späteren Zeitebene eine überraschende Tiefe erhält. Owens Kollegen: Harrison, selbst ein Opfer von Vivians Machtstreben, und Gilda Sawbridge, die trotz ihrer sehr unterschiedlichen Schicksale immer an die Wahrheit der Wissenschaft glaubt. Sogar der letzte lebende Drache, den Una auf Befehl der Königin erlegen soll, hat so viel Persönlichkeit, dass ich mich selbst beim hörbaren Seufzen vor lauter Mitleid für das Tier erwischte.

In der Verbindung von Romantasy und Zeitreise versteckt Alix E. Harrow Anmerkungen über Gender oder Rassismus. An einer Stelle lässt sie Una darüber sinnieren, ob sie lieber als Mann wahrgenommen werden will (der sie nicht ist) oder lieber daran scheitern will, das Weibliche zu repräsentieren, das sie ist. Rassismus gegenüber den Feinden des Königreichs Dominion erfährt Owen, der zwar in Dominion geboren ist, aber aufgrund seines Aussehens als Ausländer wahrgenommen wird. Ich sehe hier keinen mahnenden Zeigefinger, ich sehe Ergänzungen zu den Geschichten, die nicht nur unsere Vergangenheit, sondern auch unsere Gegenwart und Zukunft formen.

Wenn ihr mit (heterosexueller) Romantasy gar nichts anfangen könnt, dann wird euch dieses Buch vermutlich keine Freude bereiten. Der Romantik-Aspekt ist trotz des ganzen Blut-Vergießens wesentlicher Bestandteil der Geschichte. In dieser Romantasy steckt aber auch eine Parabel auf die Frage nach der Wahrheit und woran wir diese überhaupt erkennen können, wenn wir nicht wissen, wer von den Geschichten, die uns erzählt werden, gerade profitiert.

It is not a lesson, until we learn it. It is not a story, until we tell it. And every story serves someone.

Categories
Roman

Colum McCann – Let The Great World Spin

CN: Prostitution, Tod durch Unfall, Religion, Drogenmissbrauch (Heroin), Krieg (Vietnam), Suizidgedanken, Prostitution, 9/11


A man high in the air while a plane disappears, it seems, into the edge of the building. One small scrap of history meeting a larger one. As if the walking man were somehow anticipating what would come later.

Dieses Buch hatte ich ganz unten auf meiner Merkliste in der Overdrive eLibrary, es muss dort also ungefähr so lange stehen, wie ich dieses Angebot der Büchereien Wien nutze. Dass ich das Buch gerade jetzt – 25 Jahre nach 9/11 – gelesen habe, war reiner Zufall. Die Geschichte beginnt mit der Beschreibung einer wahren Begebenheit: Philip Petit balancierte am 7. August 1974 auf einem Stahlseil zwischen den Türmen des World Trade Centers. Von diesem Ereignis ausgehend erfindet Collum McCann eine Geschichte, die Jahrzehnte umspannt und Protagonist:innen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten miteinander in Verbindung bringt.

Beginnend mit zwei Brüdern, die vor den Konflikten zwischen Nord- und Südirland aus Dublin nach Amerika fliehen, entfaltet sich ein Panorama an unterschiedlichen Charakteren. Während Corrie sich als Mönch betrachtet, der den lokalen Prostituierten aus Nächstenliebe sein Badezimmer zur Verfügung stellt, hadert sein Bruder Ciaran mit dem in vieler Hinsicht lebensfeindlichen New York, das er sich ganz anders vorgestellt hat. Im Gegensatz dazu lernen die Leser:innen Claire kennen, die mit ihrem Mann, der als Richter arbeitet, auf der Park Avenue residiert. Claire teilt aber das Schicksal vier anderer Frauen: Sie alle haben einen oder mehrere Söhne im Vietnamkrieg verloren.

Es wäre ein Spoiler, die sich im Verlauf der Geschichte nur langsam aufdeckenden Verbindungen auch nur anzudeuten. Eines haben die Protagonist:innen jedoch allesamt gemeinsam: Keine:r ist wirklich glücklich. Alle haben Verluste erlitten oder bereuen falsche Entscheidungen. Jede:r kämpft mit der Vergangenheit und gleichzeitig mit einer Zukunft, die aufgrund der erlebten Vergangenheit unerträglich scheint.

Im Nachwort erklärt der Autor, dass abgesehen von Philip Petit alle Figuren und Ereignisse erfunden sind. Nichtsdestotrotz bleibt es ein trauriger Roman, weil jedes einzelne Schicksal genauso gut war sein könnte und in ähnlicher Form vermutlich immer wieder vorkommt. Der melodische Schreibstil hat mich jedoch sehr in seinen Bann gezogen. Obwohl die Kapitel keine Cliffhanger haben, wollte ich immer weiter leisen. Somit habe ich es dann in wenigen Tagen durch den nicht eben kurzen Roman geschafft. Der Schluss will versöhnlich sein. Wir brauchen schließlich einen Lichtblick, um weiterhin gegen die Dunkelheit zu kämpfen.

We stumble on, now, we drain the light from the dark, to make it last. 

Categories
Roman

Emily Tesh – The Incandescent

CN: Tod, Gewalt, Gefahr, Verlust der Eltern


Als ich dieses Buch begonnen hab, stand die Veröffentlichung der Hugo Awards gerade bevor, als ich fertig wurde, war mir die Entscheidung bereits bekannt. Wenn ihr euch dafür interessiert, kennt ihr das Siegerbuch vermutlich schon, wenn nicht, findet ihr es hier.

Der Fantasy-Aspekt in diesem Buch hat hauptsächlich mit Magie zu tun. Die Geschichte spielt in einem Großbritannien, das dem heutigen sehr ähnelt: Die Jugendlichen haben Smartphones und andere moderne Gadgets und sind von diesen kaum zu trennen. An einer Stelle wird angemerkt: „a middle schooler didn’t need a little demon box in their pocket all the time“. In der Geschichte ist es tatsächlich so gemeint, dass kleine Dämonen sich oft in elektronischen Geräten einnisten, es passt aber auch wunderbar als Metapher auf die aktuelle Zeit. Vielleicht nenne ich mein nächstes Smartphone „demon box“.

Der Hauptschauplatz dieser Geschichte ist die Internatsschule Chetwood, in der neben den klassischen Schulfächern auch Magie unterrichtet wird. Erzählt wird aus der Sicht von Dr. Walden, die in Chetwood einer magischen Abteilung vorsteht und nur noch wenig selbst unterrichtet. Zu Beginn des Buchs ist kaum klar, welches Geschlecht Walden hat, selbst in ihren eigenen Gedanken bezeichnet sie sich als Dr. Walden. Damit wird ausgedrückt, dass in ihrer Lehrer:innenpersönlichkeit ihr Geschlecht keine Bedeutung hat, aber auch, dass sie ihr gesamtes Selbst in dieser Lehrer:innenpersönlichkeit aufgehen hat lassen.

Dr Walden as the self she had made, the home she possessed, a person with knowledge and experience and power and status and a place to belong. 

Im Verlauf des Buchs reflektiert sie viel über das Schul- und Unterrichtssystem, die Schwierigkeiten des Unterrichtens, die sich hauptsächlich aus dem System ergeben, in dem das Unterrichten statt findet. Auch damit ist das Buch eindeutig in unserer aktuellen Zeit verankert, wo es für Schüler:innen aus privilegierten Familien deutlich einfacher ist, einen erfolgreichen Schulabschluss zu machen, als für Schüler:innen aus sozial schlechter gestellten Verhältnissen.

Mit der Zeit bricht Waldens Lehrer:innenpersönlichkeit auf. Sie bemerkt, dass sie die Maske, die für sie auch Schutz bedeutet, nicht mehr aufrecht erhalten kann. (Es gibt Situationen, in denen Walden bewusst „ihr Gesicht richtet“. Da habe ich mich sehr gut drin wieder erkannt.) Im Gespräch mit Schüler:in Nikki, die aufgrund ihres besonderen magischen Talents ein Ziel für höhere Dämonen ist, muss Walden sich auf ihr anderes Selbst besinnen, um dem Ziel ihrer Lehrer:innenpersönlichkeit nachzukommen: Um Nikki zu überzeugen, ihre Ausbildung fortzusetzen, reicht es nicht, Walden, die Lehrer:in zu sein. Sie muss sich auf ihre eigenen Zweifel, Kämpfe und ihre Vergangenheit besinnen. Auf die Erfahrungen, die sie zu der Person gemacht haben, die sie heute ist.

All of which brings us to the personhood question. Is a demon a person? Do we need to treat it as we must, morally, treat other people?

Besonders spannend fand ich auch ein Kapitel, in dem in einer Unterrichtsstunde die Frage diskutiert wird, ob ein Dämon eine Person ist. Die ethischen Regeln von Chetwood bestimmen, dass Magie nicht dazu eingesetzt werden darf, um anderen Personen zu schaden. Die Frage, ob ein Dämon eine Person ist, ist daher von entscheidender Bedeutung. In diesem Zusammenhang ist es auch sehr spannend, mit welchem Input Walden ihre Schüler:innen aus diesem Gespräch entlässt: Der wesentliche Unterschied ist, dass Dämonen nicht sozial sind. Sie denken nur an sich selbst, sie bilden keine Gruppen, sie arbeiten nicht zusammen. Wer den Gedanken weiter denkt, mag zu dem Schluss kommen, dass demnach Hunden, Katzen oder anderen sozialen Tieren Persönlichkeitsstatus zukommen mag. Kann es aber demnach Menschen geben, die nicht sozial handeln und daher als Dämonen betrachtet werden können? Mit diesem Gedankenanstoß möchte ich diesen Post schließen und mich dem abtauenden Gefrierschrank zuwenden.

You do not have to. Nothing binds you here. A self is a home is a purpose is a life. But above all those, a self is a choice. 

Categories
Essays Humor Reise

Ludwig Hirschfeld – Wien

CN: Dieses Buch entstand in der Zwischenkriegszeit (Erscheinung 1927). Der Autor verwendet Bezeichnungen, die heute nicht mehr angemessen sind (zB Negermusik oder Zigeunerkapelle). Er schreibt auch über die Rolle der jüdischen Bevölkerung dieser Zeit und charaktisiert in einem Kapitel das Wesen der Wienerinnen. Dabei behält der Autor stets seinen beobachtenden, wohlwollenden Ton bei. Der Text enthält keine Hinweise auf rassistischen oder frauenfeindlichen Hintergrund. Hirschfeld entstammte selbst einer jüdischen Familie und floh 1938 von Österreich nach Frankreich.


Es ist immer wieder faszinierend, wie ein Buch, das nächstes Jahr 100 Jahre als sein wird, heute noch so viel Wahrheit und Gültigkeit beinhalten kann. Ludwig Hirschfeld beschrieb 1927 das Wien der Zwischenkriegszeit aus den Perspektiven, die laut Untertitel „nicht im Baedeker stehen“. Unwillkürlich muss sich die Leser:in irgendwann fragen, was denn wohl 1927 über Wien im Baedeker stand …

Bei Hirschfeld kommen jedenfalls viele klassische Tourismusattraktionen wie etwa das Schloss Schönbrunn oder der Stephansdom entweder gar nicht oder nur am Rande vor. Hirschfeld widmet sich viel lieber der so genannten Wiener Volksseele, die sich vor allem im Kaffeehaus, beim Heurigen und im Prater findet. Sehr amüsiert habe ich mich auch über den folgenden Absatz, der die Straßenbahn als Schmelztiegel des Wienerischen definiert. Stellt sich raus, dass 1927, lange bevor jede:r ein Auto hatte, die Straßenbahn beliebtes Transportmittel für alles Mögliche war:

Wollen Sie die Wiener Volksseele restlos kennenlernen, dann fahren Sie einmal im Beiwagen der O-Linie. Angesichts dieser Überfüllung werden Sie Ihren Hühneraugen nicht trauen und Sie werden staunen, wie leidenschaftlich Wäschekörbe, Nähmaschinen, Bilderrahmen und sonstiges Hausgerät in der Straßenbahn fahren. 

Ein wichtiger Bestandteil des Buchs ist natürlich auch das Wiener Nachtleben inklusive der Theaterszene. Das Raimundtheater – heute in der Nähe des Westbahnhofs und mit der U6 und U3 wirklich gut erreichbar – wird als „das entlegenste Wiener Theater“ bezeichnet. Das wäre heute vermutlich eher das Theater am Werk mit einer Spielstätte im Kabelwerk (mit der U6 Tscherttegasse heute auch gut erreichbar). Das Theater an der Wien war damals DAS Operettentheater. Nach zwei Dekaden als wichtige Spielstätte für das Musicaltheater von Anfang der 1980er-Jahre an wird das Theater an der Wien seit 2006 wieder als Opernhaus genutzt. Einen Bericht über eine Führung im Theater an der Wien findet ihr hier unter der Buchbeschreibung. 

Das Wien der Zwischenkriegszeit war deutlich kleiner als das heutige Wien wie schon die obige Bezeichnung des Raimundtheaters als „entlegen“ zeigt. Richtig originell wirkt auch, dass ein Teil des ersten Bezirks, der durch seine Nähe zum Schwedenplatz ständig überlaufen ist, damals als „orientalisches Viertel“ bezeichnet wurde:

[Das Griechenbeisl] befindet sich beim Fleischmarkt, dem orientalischen Viertel Wiens, zwischen einem türkischen Tempel und einer griechischen Kirche, in der unheimlich engen Griechengasse, wo die Häuser noch durch Schwibbogen miteinander verbunden sind. 

Ludwig Hirschfeld beschreibt locker und luftig das Leben in Wien anhand eines erfundenen Ehepaars, das er herumführt. Mit Sehenswürdigkeiten hält er sich nur sehr bedingt auf, es geht ihm mehr um das Lebensgefühl, das er vermitteln will. Gegen Ende des Buchs führt er dies auch auf einen Slogan zusammen, den sich Wien auf die Fahnen schreiben sollte: trotz allem. Das passt auch heute noch so gut, dass ich dem nichts hinzuzufügen habe.

Das Füttern und Necken der Tiere ist streng verboten, Sie können es also, wie alle anderen, ruhig tun. Die Schönbrunner Tiere wissen schon, dass man sich in Österreich an Verbote nicht hält. 

Auch dieses Buch hatte ich für einen Geocache gelesen. Hier musste ich aber deutlich mehr Zeit investieren als nur das Buch zu lesen. Das Stöbern in Postkarten aus der Zwischenkriegszeit, in Lehmanns Wohnungsanzeiger (dem damaligen Äquivalent des Telefonbuchs) und der Neuen Freien Presse (seit 1946 nur noch Die Presse), für die Hirschfeld auch journalistisch tätig war, hat mir große Freude gemacht. In den von mir durchgeblätterten Ausgaben aus dem Jahr 1927 sag ich Werbeanzeigen, die mich umgekehrt an die Illustrationen von Kat Menschik erinnerten. Am Schluss brauchte ich dann doch für die letzten zwei Antworten Hilfe, diese wurde auch prompt gewährt.

Categories
Roman

Herbert Dutzler – Letzter Gipfel

CN: Mord, Gewalt, Alkoholmissbrauch


Nach den letzten doch eher deprimierenden Büchern brauchte ich dringend Abwechslung. Das Einfachste schien dabei der Griff zu einem Lokalkrimi, der noch dazu mit einem Geocache verbunden ist. Leider entspricht auch Herbert Dutzlers Werk nicht meinen Anforderungen an einen Lokalkrimi. Ein sexistisches Klischee bleibt ein sexistisches Klischee, auch wenn es von einem etwas einfältigen Inspektor vorgetragen und von seiner deutlich moderneren Frau korrigiert wird.

An zumindest einer Stelle wird angedeutet, dass das Mordopfer aufgrund ihres „unmoralischen“ Lebenswandels ermordet wurde – und damit zumindest eine Mitschuld trägt. Auch das wird im nächsten Absatz relativiert, aber es steht so da. An anderer Stelle werden abfällige sexistische Bemerkungen in männlichen Stammtischrunden verurteilt, aber auch diese Bemerkungen stehen eben so da. An anderer Stelle wird einem Herrn ein zweifelhafter Lebenswandel unterstellt, weil er … ein Wasserbett hat.

Diese Regionalkrimis erfreuen sich offenbar eines zahlungskräftigen Publikums, sonst würden sie nicht so inflationär veröffentlicht, verfilmt und von Geocacher:innen in „Literatur“-Geocaches verarbeitet. Für mich ist das leider nichts, wie ich immer wieder feststellen muss.

Categories
Roman

Chimamanda Ngozi Adichie – Half of a Yellow Sun

CN: Mord, Genozid, Trauma, Rassismus, Landminen, Bürgerkrieg, Hunger, Flucht, sexuelle Gewalt


In diesem Epos erzählt die Autorin in fiktionalisierter Form vom Bürgerkrieg in Süd-Nigeria Ende der 1960er-Jahre. Es wird aus drei Perspektiven erzählt; die Personen stehen miteinander in Verbindung. Olanna ist eine Nigerianerin aus einer reichen Familie, Ugwu stammt aus einem armen Dorf und arbeitet bei Olannas Partner Odenigbo als Houseboy. Richard ist Engländer, recherchiert für ein Buch und interessiert sich für die lokale Kunst. Er beginnt eine Beziehung mit Olannas Schwester Kainene.

Bevor es zu den dramatischen Tagen des Bürgerkriegs kommt, stehen Beziehungsverwirrungen, Fragen der Lebensführung und der Gesellschaft im Vordergrund. Die verschiedenen Völkergruppen in der Region stehen immer wieder miteinander in Konflikt. Affären und deren Folgen reißen Freundesgruppen und Familien auseinander. Erst die furchtbare Hungerkatastrophe des Kriegs lässt die zuvor Getrennten wieder zusammenrücken.

Es war nicht einfach, zu lesen, wie Kinder rausgeschickt werden, um Eidechsen und Heuschrecken zu jagen, weil es sonst einfach nichts zu essen gibt. Von einer Krankheit, die von Mangel an Protein in der Nahrung ausgelöst wird, hatte ich bisher nie gehört. Wikipedia nennt diesen Bürgerkrieg „eine der schlimmsten humanitären Katastrophen der Neuzeit“ und zeigt sogar ein Foto von nahezu nackten Kindern mit Hungerödemen. Ich denke, das Buch will (auch) zeigen, wie selbst in den dunkelsten Zeiten Menschen zusammenhalten und an eine bessere Zukunft glauben, für die sie auch kämpfen. Es ist aber aufgrund der detaillierten Beschreibung der Kriegsgräuel auch schwierig zu lesen.

They sat on wooden planks and the weak morning sun streamed into the roofless class as she unfurled Odenigbo’s cloth flag and told them what the symbols meant. Red was the blood of the siblings massacred in the North, black was for mourning them, green was for the prosperity Biafra would have, and, finally, the half of a yellow sun stood for the glorious future. 

Categories
Erzählung

Volker Kutscher, Kat Menschik (Illustr.) – Moabit

CN: Gewalt, Mord


Volker Kutscher fügt seiner Serie um Kommissar Gereon Rath einige Ergänzungen hinzu, ausgestattet mit Illustrationen von Kat Menschik. Im Mai habe ich bereits Mitte gelesen und dabei auch schon über den Illustrationsstil geschrieben. Hier zeigen die Illustrationen oft zeitgemäße Werbebotschaften zum Beispiel für Kohle Tabletten (sic!), den Magenbitter Kümmerling oder die Juno-Zigaretten, die Charly später in den Büchern rauchen wird.

Die Geschichte wird von drei Personen erzählt: Zuerst kommt der Schränker Adolf Winkler zu Wort, ein Berufsverbrecher vom Ringverein Berolina, der viel auf seine Ganovenehre hält. Eine Zusammenarbeit „mit Zuhältern und Drogenhändlern“ kommt für seinen Ringverein nicht in Frage. Saubere (Ein-)„Brüche, bei denen niemand zu Schaden kommt“, sind das Geschäft der Berolina.

Der Schränker entkommt im Gefängnis nur knapp einem Mordanschlag, er wird in letzter Sekunde gerettet vom Oberaufseher Christian Ritter. Der ist natürlich der Vater von Charlotte Ritter, die in diesem Buch gerade ihr Abitur abgeschlossen hat und fleißig übt, um als Stenotypistin Geld zu verdienen. Außerdem hat sie gerade ihre Freundin Greta kennen gelernt, mit der sie in den späteren Büchern auch zusammenwohnt. Heimlich schlägt sie sich mit ihr in den Tanzlokalen Berlins die Nächte um die Ohren.

Es ist ein Blick in eine Zeit vor den Ereignissen der Rath-Serie, in ein 1927, das noch nicht vom Nationalsozialismus geprägt ist. Und doch wirft das Ende bereits die Schatten voraus, die wir von den Büchern der Rath-Serie bereits kennen.