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Roman

Rebecca Makkai – I have some questions for you

CN (möglicherweise unvollständig): Femizid, sexuelle Belästigung, Tod von Vater und Bruder, Drogenmissbrauch, Depression, Patriarchat, Mobbing


Suddenly, she was every sister of every murdered girl they ever put on the news

Allein schon den Rahmen der Geschichte zu beschreiben, erscheint kompliziert. Die Erzählerin Bodie Kane kommt als Erwachsene zurück an das Internat, das sie als Jugendliche besucht hat, um dort zwei Sonderkurse zu betreuen. Während ihrer Schulzeit dort wurde ein Mädchen ermordet – ein Trauma, das Bodie nie ganz losgelassen hat. Im Rahmen ihres Podcast-Workshops wird das Thema von einer Schülerin aufgegriffen und Bodies Zweifel an der Schuld des verhafteten Täters schlagen Wurzeln in den Köpfen der Jugendlichen. Wichtig ist auch, dass Bodie ihre Erzählung an einen ehemaligen Lehrer richtet, den sie verdächtigt. An ihn richten sich die Fragen aus dem Titel des Buchs.

Neben dieser, aber auch durch diese Geschichte ist das Buch eine umfassende Reflexion über das Patriarchat und das männliche Gesellschaftsbild, das Fälle wie diesen ermöglicht. Im Buch werden immer wieder Beispiele von sexuellem Missbrauch oder Femizid aufgezählt: so viele Fälle, bei denen die Täter davon kommen, bei denen den Opfern die Schuld gegeben wird. All die faulen Ausreden, die wir schon tausendfach gehört haben (sie hätte sich nicht so anziehen sollen, sie hätte nicht allein unterwegs sein sollen, sie hätte nicht so viel trinken sollen, …) und die davon ablenken wollen, dass ein Mann einer Frau Gewalt angetan hat.

In einer Nebenhandlung wird Bodie mit dem Thema auf andere Art konfrontiert. Ihr Ex-Mann wird öffentlich beschuldigt, Jahre früher eine Frau belästigt zu haben und wird dadurch Ziel eines Shitstorms. Dadurch wird auch das Problem falscher Anschuldigungen angeschnitten und Bodie muss ihre eigenen Glaubenssätze hinterfragen. Warum glaubt sie anderen Frauen, aber nicht dieser? Warum relativiert sie das Geschehen, weil jetzt ihr Ex-Mann und durch den öffentlichen Aufschrei auch das gemeinsame Unternehmen unter Beschuss steht? Ihre persönliche Betroffenheit ermöglicht eine neue Perspektive auf das leider so präsente Thema.

Via Kaltmamsell bin ich auf diesen Text von Jasmin Schreiber gestoßen: Die Schuldvermutung. Darin nennt sie Zahlen und aktuelle Beispiele, stellt aber eben auch Überlegungen zur Unschuldsvermutung dar, die oft als Schuldvermutung gegenüber dem Opfer ausgelegt wird.

Doch wie spricht man darüber, Opfer beispielsweise sexueller oder häuslicher Gewalt geworden zu sein? Denn diese Frauen müssen sich fragen, ob ihre Aussage juristisch haltbar ist. Ob sie glaubwürdig klingen werden. Ob ihre Vergangenheit gegen sie verwendet werden kann.

Jasmin Schreiber endet mit einem Aufruf an all die Männer, die „keine von denen“ sein wollen. Ich schließe mich dem an: Ihr „anständigen“ Männer, schaut nicht weg und macht den Mund auf, wenn ihr etwas beobachtet oder hört. Weist andere Männer darauf hin, wenn sie frauenfeindliche, sexistische Witze machen. Stellt euch nicht (nur) an die Seite der Frauen, stellt euch vor sie und tragt euren Teil zu einer gerechteren Gesellschaft bei. Überlegt euch bei der nächsten Wahl, welcher Partei ihr zutraut, für eine Gesellschaft zu arbeiten, die Frauen und Mädchen ernst nimmt. Sprecht mit euren Freunden und Familienmitgliedern und positioniert euch. Es gibt so viel zu tun.

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Roman

Øivind Hånes – Permafrost

CN (möglicherweise unvollständig): Krieg, Tod, Kälte, unfassbare menschliche Grausamkeit


Diesen Post schreibe ich mit noch mehr Verspätung als üblich. Die letzten Wochen waren von einer extrem hohen Arbeitsbelastung und einer privaten Ausnahmesituation überschattet. Jetzt hoffe ich, dass sich alles wieder einpendelt.

Trotzdem erinnere ich mich an das Buch, weil es eine wirklich grausame Kriegsgeschichte enthält. Nach dem Tod seiner Mutter finden Jonas und seine Schwester Hinweise auf den verschwundenen, totgeglaubten Vater, die die Mutter geheim gehalten hat. Jonas reist in die Taiga, um den Spuren nachzugehen.

Warum hat sie es ihnen verschwiegen? Warum hat ihre Mutter ihnen nicht erzählen wollen, was sie wusste? Aber wenn sie es getan hätte, wäre er jetzt nicht hier.

Er trifft dort die Lehrerin Olga, deren Familie ebenfalls eine komplexe Geschichte durchlebt hat. Zwischen Jonas’ Suche nach den Spuren seines Vaters im früheren russischen Gefangenenlager wird eine Episode mit Gefangenen auf einem Transportschiff erzählt, das im Eis stecken bleibt. Es kommt zu einer unfassbaren Grausamkeit, die mir noch immer den Atem stocken lässt, weil sie durchaus wahr sein könnte.

Das Seelenstoffbassin, all das, was dort beginnt, wo die Geschichte endet. Aber dieser Mensch, der ihm den Rücken zuwendet, ist der noch da? Schwer zu sehen, jetzt, der Wagen ist so fern. […] Vielleicht ist es nur ein Schatten, weiß er das nicht mehr? Deshalb konnte er ja nicht brennen.

Neben dem tatsächlichen Geschehen wird ausführlich Jonas’ komplexes Innenleben geschildert. Seine Gedankenströme springen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft herum. Der Autor arbeitet teilweise mit wilden Metaphern, um das Gefühlschaos verständlich zu machen. Es ist ein schwieriges, ungewöhnliches Buch.

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Biografie Sachbuch

Kathrin Benz – Antoni Gaudí. Der Architekt Gottes

CN: Krankheit, Tod, Dikatur, Krieg, Unfall mit Todesfolge (alles im historischen Kontext)


Schon in jüngeren Jahren habe ich mich eine Zeit lang intensiv mit dem katalanischen Architekten Antoni Gaudí beschäftigt. Ausgangspunkt dieses Interesse war das Musical von Eric Woolfson und Alan Parsons, das sich lose am Leben des Architekten und seiner Werke bediente und diese mit einer modernen Handlung verband. Es wurde 1993 in Aachen uraufgeführt und hat leider über den deutschsprachigen Raum hinaus keine Bekanntheit erlangt. Im Jahr 2014 fand in Linz die österreichische Erstaufführung statt, die Produktion war leider sehr enttäuschend (zumindest für mich). Eine Aufnahme der Produktion von 1995 ist heute auf Youtube zu finden.

Wegen eines Rechercheprojekts hatte ich mir kürzlich den Bildband über Gaudís Architektur, den ich mir damals gekauft hatte, aus dem Regal genommen. Daran, eine Biografie gelesen zu haben, kann ich mich jedoch nicht erinnern, das wollte ich im Zusammenhang mit dem genannten Rechercheprojekt nachholen. Die Autorin Kathrin Benz schreibt in ihrem Nachwort, dass sie selbst das Buch über den Architekten geschrieben hat, das sie nicht finden konnte, daher ist die Annahme zulässig, dass ich damals einfach keine deutschsprachige Biografie finden konnte.

Antoní Gaudi i Cornet gilt als berühmtester Vertreter des katalanischen Jugendstils, der Modernisme genannt wurde. Während beim Wiener Jugendstil (auch Sezessionsstil genannt) eine Abkehr vom Historismus, eine Erneuerung, Befreiung, Entfesselung im Vordergrund standen, baute Gaudí seine Werke immer auf dem Fels seines Glaubens. Für ihn war die Natur keine dekorative Vorlage, sondern er nutzte sie als Inspiration für organische Gebäude und orientierte sich an ihrer „rationalen Zweckmäßigkeit“. In seinen Dekorationen versteckte er mehr oder weniger offen eine christlich geprägte Zahlenmystik.

Neben seinem unterschütterlichen christlichen Glauben war Gaudí auch ein vehementer Verfechter der Eigenständigkeit Kataloniens. Im Buch ist immer wieder zu lesen, dass er selbst mit hohen Besucher:innen ausschließlich katalanisch sprach, was ihm immer wieder den Vorwurf der Unhöflichkeit eintrug. Mit seinen Mitarbeiter:innen soll er trotz seiner Sturheit und seines Präzisionsanspruchs stets auf Augenhöhe kommuniziert haben. Mit den Behörden, für deren Bewilligungen er die von ihm verhassten Baupläne anfertigen musste, stand er aufs Kriegsfuss. Er hielt sich weder an die eingereichten Baupläne noch an andere Vorgaben. Die Behörden scheinen sich aber auch nicht zwingend ausgezeichnet zu haben:

Bei der Sagrada Família hingegen verschlampten die Behörden die Baubewilligung vollends. Sie erfolgte wie erwähnt erst 2018 mit einer Verspätung von 136 Jahren.

Anstatt nach Bauplänen arbeitete Gaudí vorwiegend mit Holz- oder Gipsmodellen, wofür er auch immer wieder Menschen eingipste, um nach ihren Körperformen Statuen zu gestalten. Für die Konstruktion der „tragenden Strukturen“ (Säulen) verwendete er das von ihm entwickelte Kettenmodell, eine Form des Hängemodells, das „auf dem Prinzip einer auf den Kopf gestellten Kettenlinie (Katenoide)“ basiert. Das Hängemodell der Sagrada Família verdeutlicht die „auf dem Kopf stehende“ Konstruktion.

Durch dieses Prinzip konnte er auch komplizierte Formen ohne aufwendige Berechnungen mit einem minimalen Materialeinsatz realisieren, da in den Gewölben nur Druckkräfte auftreten. (Wikipedia)

Gaudí verstand sich nicht als Ingenieur, Architektur war für ihn Kunst. Es ging ihm aber nicht nur um das Gebäude oder seine Außenansicht. Er setzte moderne Ideen wie Licht- und Belüftungskonzepte um, eines seiner Auftragshäuser (die Casa Milà, von der Bevölkerung spöttisch La Pedrera – der Steinbruch – genannt) hatte eine Tiefgarage (für die er damals belächelt bis verlacht wurde). Seine Gebäude waren jedoch immer ein Gesamtkunstwerk. Auch die Innendekoration wurde von Gaudí detailliert geplant. Für die Privathäuser seiner wohlhabenden Geldgeber (zB das Palau Güell für seinen lebenslangen Mäzen Eusebio Güell) entwarf er sogar Möbelstücke.

»Eine Eisenbrücke ist Mechanik, aber sie ist nicht schön. Architektur hingegen ist Kunst. Die Mechanik ist das Skelett, der Knochenbau, aber es fehlt ihm das Fleisch, das ihm Harmonie verleiht.« (Zitat von Gaudí nach PUIG-BOADA, Isidre, 2004. El pensament de Gaudí. Barcelona: Dux Editorial. S. 91)

Aus aktuellem Anlass habe ich mir meine Fotos aus Barcelona aus dem Jahr 2010 durchgesehen. Auf den ersten Blick erstaunt die Dateigröße: 79 Fotos haben nur 52,5 MB. Ich hatte sie damals mit einer Olympus C-740UZ angefertigt (danke, Metadaten). Bei guten Lichtverhältnissen waren auch die Bildergebnisse ganz ordentlich, meine Innenaufnahmen der Sagrada Família sind leider kaum zu gebrauchen. Ich kann mich noch erinnern, wie beeindruckt ich damals von den hohen Decken war, die von organisch aus dem Boden wachsenden Säulen getragen wurden. In meiner Erinnerung war es extrem hell für eine Kirche, natürlich fehlten auch viele der für Kirchen typischen Inneneinrichtungselemente wie zum Beispiel ein Chorgestühl, das in unseren Breiten üblicherweise aus dunklem Holz besteht.

Innenraum mit nach oben „wachsenden“ Säulen, die sich in Richtung Decke verzweigen, von oben sieht es aus, als ob Blüten nach unten wachsen würden
Innenraum der Sagrada Família, 2010
buntes Glasfenster in Blautönen, oben ein Blütenblatt mit 12 Blüten, darunter 6 Kreise jeweils in 3er-Gruppen
Glasfenster, 2010
eine Kirchenbaustelle, 4 Türme und dazwischen ein Kran überragen eine Großstadt, im Vordergrund eine runde Plattform mit einem Metallgerüst
die Türme der Sagrada Família im Jahr 2010
eine Turmspitze mit einer Dekoration aus Erdbeeren, die aus Mosaiksteinen zusammengesetzt sind, dahinter eine Baustelle mit verschiedenem Material
Türmchen mit Erdbeerdeko, 2010
ein unzugänglicher Mauervorsprung auf einer Baustelle, auf einem Gitter liegt ein graues Stofftier, es scheint eine Maus zu sein
Hoffentlich wurde diese arme Maus inzwischen gerettet … (2010)
ein Gebäude, dessen Dach wie eine Kasperlmütze wirkt, überragt von einem spitz zulaufenden Turm mit einem Kreuz ganz oben
Tourist:innengruppen umringen das Pförtnerhäuschen am Eingang zum Park Güell, 2010
runde Mosaikdekoration, der Hintergrund besteht aus unterschiedlich großen Teilchen in verschiedenen Grüntönen, darauf ist ein Stern erkennbar, in der Mitte vermischen sich die Farben zu geschwungenen Linien
Mosaikdetail, Sala Hippostila, 2010

Wie ich lese, gab es erst letzten Monat einen großen Fortschritt zu feiern:

Mit dem Aufsetzen des Spitzenkreuzes am 20. Februar 2026 erreichte der Turm [Jesu Christi] mit 172,5 m Höhe die größte Höhe aller Kirchtürme der Welt. (Wikipedia)

Mein Rechercheprojekt ist noch nicht abgeschlossen, aber jetzt schon habe ich große Lust, eine Reise nach Barcelona zu planen. Um mir alle berühmten Bauten des Architekten im Detail anzusehen, müsste ich aber vermutlich einige Wochen bleiben. Aus nostalgischen Gründen sei darauf hingewiesen, dass ich beim Barcelona-Besuch 2010 einen einzigen Geocache geloggt habe: Port Olímpic. Dafür habe ich damals in einem nahegelegenen Souvenir-Shop einen Kugelschreiber erworben.

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Krimi Roman

Tove Alsterdal – Sturmrot

CN: Demenz, Vergewaltigung, Mord, Feuer, Sturm, Hass im Netz, Aufruf zu Gewalt, Suizid in der Familie (in der Vergangenheit)


Ein Mensch ohne Jagdmesser ist verdächtiger als einer mit, zumindest nördlich des Dalälven.

Ein alter Mann wird ermordet aufgefunden – von seinem Sohn, der als Jugendlicher ein Gewaltverbrechen begangen haben soll. Für Nachbar:innen und Öffentlichkeit ist klar, es kann nur der Sohn selbst gewesen sein. Bei den Leser:innen wird jedoch von Anfang an Zweifel gesäht. Nicht nur am jetzigen Verbrechen sondern auch an jenem, das viele Jahre zuvor passiert sein soll …

Auf den ersten Blick hatte mir die Benennung der drei Bücher nach Farben gefallen (es folgen Erdschwarz und Nebelblau). Leider hat die „Farbe“ Sturmrot in der Geschichte überhaupt keine Bedeutung. Ein Sturm kommt vor; ein Feuer wird gelegt; der Zusammenhang ist eher lose. Leider ist mir auch die Ermittlerin Eira Sjödin nicht wirklich sympathisch. Es wirkt zu bemüht, sie sympathisch wirken zu lassen mit der dementen Mutter, um die sie sich kümmert, dem Bruder, der mit einer schwierigen Lebenssituation kämpft, dem Kollegen, mit dem sie eine Art Affäre beginnt, obwohl sie weiß, dass er eine Freundin hat und so weiter und so fort.

Ungefähr bei der Hälfte des Buchs wurde mir ein wesentliches Detail der Auflösung klar. Danach war ich etwas interessierter an der Geschichte und wie sich alles zusammenfügen würde. Leider fügt sich nicht alles zusammen, Vergangenes kann nicht ungeschehen gemacht werden, Menschen werden wegen Handlungen verurteilt, die gar nicht passiert sind, während andere davonkommen. Nach dem Lesen blieb mir ein Gefühl des Frusts. Vielleicht wird in den weiteren Bänden darauf Bezug genommen. Ob ich das herausfinden werde, kann ich aktuell jedoch nicht sagen.

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Graphic Novel

Ulli Lust – Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens

CN (alles thematisiert und gezeichnet): sexuelle Handlungen, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, Misogynie, Mafia, Alkohol- und Drogenkonsum


Wo mir Ulli Lust über den Weg gelaufen ist, hab ich gerade nicht mehr auf dem Schirm. Selten aber doch hin und wieder lassen mich meine Notizen im Stich. Und wenn es passiert, weiß ich nicht mehr, wo ich nachbessern müsste, weil ich ja nicht mehr weiß, wo die Information verloren gegangen ist. Jedenfalls war ich beim letzten Bücherei-Besuch sowieso schon in der Kunstabteilung und da schaute ich dann auch bei den Graphic Novels vorbei und nahm mir den Wälzer mit. 

Graphic Novels haben ja leider die Angewohnheit, auszuufern. Das ist auch bei dieser hier der Fall, genau genommen wird in vielen Bildern wenig erzählt. Die Protagonistin Ulli fühlt sich dem Punk verbunden und reist mit ihrer neuen Freundin Edi per Anhalter Richtung Italien. Was mir für ein 17-jähriges Mädchen heute noch gewagt erscheint, war Anfang der 1980er-Jahre – lange vor Mobiltelefonen oder Internet – erst recht ein Wagnis. Da die beiden ohne Reisepass unterwegs sind, schleichen sie sich durch Dornen und Brennesseln im Dunkeln über die grüne Grenze nach Italien. Ein Highlight-Bild: Ulli und Edi erleuchten mit einem Feuerzeug einen Grenzstein, über den sie gerade gestolpert sind. 

In Rom finden sie Anschluss an die lokale Punk-Szene und im Weiteren auch einen relativ sicheren Schlafplatz in einem Park unter einer Plattform. Immer wieder werden sie von Männern eingeladen – sei es zum Essen oder zu einer Übernachtung. Als Gegenleistung wird dafür im Allgemeinen Sex erwartet. Während Edi sich dem belanglosen Sex mit Fremden freudig und bedenkenlos hingibt, kommt Ulli immer wieder in unangenehme Lagen. Von Begrapschen bis zur Vergewaltigung passieren unzählige Arten des sexuellen Missbrauchs. Nie kann sich Ulli sicher fühlen. Erst recht nicht, als sie Edi, die sich inzwischen bevorzugt mit Andreas amüsiert, verliert. Ein verpasster Treffpunkt war zu dieser Zeit verpasst, einander wieder zu finden nur durch Zufall möglich. Aber auch Edi hat kein Verständnis für Ullis Unwilligkeit, sich den sexuellen Wünschen der Italiener unterzuordnen. „Warum lässt du ihn nicht einfach?“ ruft sie ihr zu, während Ulli sich den Avancen eines lokalen Kleinganoven widersetzt. Ein bedrückender Moment, der mich mit flammendem Ärger gegen die vermeintliche Freundin zurückgelassen hat.  

Während die Bilder Ullis wechselnden Gemütszustand widerspiegeln, bleiben die Texte an der Oberfläche. Selbst nach einer Vergewaltigung sieht sie keinen Grund, die „Reise“ abzubrechen. Mehrere Aufgriffe durch die Polizei enden damit, dass sie mit einem temporären Reisedokument zur Botschaft geschickt wird, wo sie nie hingeht. Während einer groß angelegten Aktion gegen die Mafia landen auch Ulli und Andreas in Untersuchungshaft. Edi wird von Interpol gesucht und ist mutmaßlich bereits auf dem Abschiebungsweg zurück nach Österreich. Das ist der Moment, wo Ulli schließlich die Reißleine zieht und sich auf der Botschaft ein Zugticket für die Fahrt nach Österreich holt. 

Diese Graphic Novel (im Erscheinungsjahr 2009 als Comic-Roman veröffentlicht) ist eine Art schonungslose Dokumentation der frauenfeindlichen Gesellschaft der frühen 1980er. Gleichsam scheint sich Ulli Lust die Erinnerungen an diese Reise von der Seele geschrieben zu haben. Ausschnitte nie abgeschickter Postkarten und Tagebucheinträge rahmen die gezeichnete Geschichte. Viele Zeichnungen ohne Text zeigen Ausschnitte aus dem italienischen Straßenleben, Häuserfronten, Parks, Denkmäler, die das Gefühl eines Orts zu einer bestimmten Zeit hervorrufen. Besonders berühren jedoch die Zeichnungen, in denen die erzählte Ulli ihre schwärzesten Momente erlebt. Verletzlichkeit, Einsamkeit und Hilflosigkeit sprechen aus den gezeichneten Gesichtszügen. Doch das Straßenleben kennt keine Erholung, die nächste Mahlzeit muss erbettelt und ein möglichst sicherer Schlafplatz gefunden werden. 

2017 wurde ihr zweites Buch veröffentlicht, der Titel lautet „Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein“ und das ist möglicherweise die Antwort auf die eingangs aufgeworfene Frage, wie Buch und Autorin auf meiner Merkliste gelandet sind. Es mag aber auch damit zusammenhängen, dass ihr 2025 veröffentlichtes Buch „Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte“ mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde. Ein interessanter Kontrast zu dem 17-jährigen Punk-Mädchen, das per Anhalter nach Italien reiste und dort monatelang auf der Straße lebte. 

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English Fantasy Roman

Robert Jackson Bennett – The Tainted Cup

CN: Body Horror, Mord, Krankheit, Tod, Gewalt, Korruption


In unserem Mini-Buchclub hatten wir andere für den Hugo Award nominierte Bücher bevorzugt, gewonnen hat letztes Jahr schließlich dieses Werk. Nach einer kleinen Fantasy-Auszeit haben wir uns jetzt entschlossen, doch noch wissen zu wollen, wie uns dieses Werk gefällt. Vorab gesagt: Ich finde es sehr gut geschrieben, mein Favorit bleibt jedoch John Wiswell – Someone You Can Build a Nest in.

Die Welt dieses Buchs bietet einige interessante Facetten. Das Königreich wird von Titanen bedroht, die sich aus dem Meer heranschleichen und die gigantischen Mauern zu zerstören suchen, die sie vom Eindringen ins Landesinnere abhalten sollen. Diese Bedrohung schwebt stets über den Ermittlungen, durch die Protagonist Din und seine „Chefin“ Ana einen merkwürdigen Todesfall aufklären sollen. Zentral ist außerdem, dass die Menschen (und Tiere) dieser Welt mittels aus den Leichnamen der Titanen entwickelter Mittel körperlich oder geistig verändert werden, um ihnen bestimmte Eigenschaften zu verleihen. Din selbst hat die Fähigkeit eines Engravers – eine Art fotografisches Gedächtnis, bei dem Erinnerungen mit Düften verbunden werden, um sie zu einem späteren Zeitpunkt exakt wieder abrufen zu können. Die Veränderungen sind jedoch auch immer mit negativen Folgen verbunden – wie zum Beispiel Erinnerungslücken im Fall eines älteren Engravers.

Aus dem einen Todesfall werden schnell mehrere, es entwickelt sich eine Murder-Mystery-Geschichte mit vielen Zutaten, die sich auch in Real-World-Mordermittlungsgeschichten wiederfinden. Natürlich spielt die Formel „Geld + Macht = Korruption“ eine Rolle; natürlich versuchen sich manche auf den Rücken anderer zu bereichern. Die Pflanze, die im Mordfall eine Rolle spielt, kann in anderer Verwendung auch als Biowaffe eingesetzt werden, was eine Terrorismus-Verbindung heraufbeschwört (à la „wieviel von dem Zeug brauchst du, um eine Stadt zu vergiften?“).

The Empire is strong because it recognizes the value in all our people […].

Das Thema der bewussten Veränderung im Hinblick auf bestimmte Aufgaben wird am Ende in eine versöhnliche Richtung aufgelöst. Ana betont dabei, dass sie alle ihre deutlich als autistisch lesbaren Eigenschaften bereits vor ihrer Veränderung hatte. Es ist ihr innerstes Wesen; ihre Veränderung trug nur dazu bei, ihre bereits vorhandenen Eigenschaften im Sinne des Königreichs besser nutzen zu können. Wir entscheiden selbst, was wir aus unseren gegebenen Eigenschaften machen.

The person an enhancement is paired with is just as important as what enhancement they get. And we get some say in what kind of person we are, Din. We do not pop out of a mold. We change. We self-assemble

Als Murder Mystery fand ich die Geschichte wirklich unterhaltsam und interessant geschrieben. Bezüglich Originalität gewinnt aber in meinen Augen mit deutlichem Abstand das bereits oben erwähnte Someone You Can Build a Nest in. Wir sind gespannt auf die diesjährigen Hugo Award Nominees. (Nominations Open Through March 28, 2026. Announcement wahrscheinlich irgendwann im April.)

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Kurzgeschichten

Andreas Rainer – Der Wiener Alltagspoet fährt U6

CN: Erwähnung Obdachlosigkeit, Alkoholkonsum


Durch einen Geocache bin ich auf diesen schmalen Band gestoßen, den ich beinahe während einer einzigen Straßenbahnfahrt durchgelesen hätte. Dummerweise musste ich alle drei Seiten was für den Cache notieren und mit Gepäck und Telefon und Buch zu hantieren, war mir dann zu mühsam. Weder der Autor noch seine Alltagspoesie waren mir zuvor bekannt, liegt vermutlich daran, dass sich das alles auf Insta abspielt auf Insta entstanden ist. Aktuell gibt es auf der Webseite neben Screenshots vom Insta-Kanal auch Bühnenprogramm, Bücher, Podcasts und Merch.

In diesem Buch erzählt Andreas Rainer Geschichten von seinen Reisen in der U6 sowie den nahe gelegenen Lokalen wie dem Chelsea oder dem Café Westend. Es wird von Nowosibirsk geträumt, im Stadion den Schlachtgesängen der Fans gelauscht und am Westbahnhof der guten alten Zeit nachgetrauert. In heute (für manche) nostalgisch anmutenden Rückblicken wird in Lokalen geraucht oder in der U-Bahn eine Käsesemmel verspeist. Wer selbst in der U6 unterwegs ist (zum Beispiel zum Geocachen), wird sich in der einen oder anderen Geschichte wohl wiederfinden.


Disclaimer: Der folgende Text behandelt ausdrücklich nicht das Buch von Andreas Rainer, sondern die Plattform story.one.

Mich hat irritiert, dass es nur exakt 17 Geschichten gibt, obwohl die U6 deutlich mehr Stationen hat. Das Buch ist im Verlag (?) story.one herausgegeben, das in seinem Format „12–17 prägnante Kapitel à 400–500 Wörter“ erlaubt. Die Webseite hat mich so unmittelbar abgestoßen, dass ich dem nachgehen musste. Das folgende Zitat beschreibt die Funktion des „intelligenten Story Editors“:

Verwandle deine Texte, Dateien oder sogar Audio/Video – etwa deine Keynote oder einen YouTube-Link – in ein prägnantes, strukturiertes Buch – schnell und professionell erstellt. Ideal, wenn du schnell veröffentlichen willst, ohne alles selbst zu schreiben.

Wirf einfach irgendwas da rein und wir machen dann ein Buch daraus, auf das du deinen Namen schreiben kannst. Bemüh dich nicht um deine eigenen Inhalte, du brauchst nicht alles selbst zu schreiben, kombinier einfach zusammen und geht schon. Und damit wäre auch schon alles gesagt.

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Roman

Ashley Herring Blake – Iris Kelly Doesn’t Date

CN: Generalized Anxiety Disorder


Romance was nothing but brain chemicals and some pretty words, a nice setting. That’s all it was. A fiction brains told to hearts.

Nach Delilah Green Doesn’t Care und Astrid Parker Doesn’t Fail ist nun Iris Kelly an der Reihe, ihr Leben auf den Kopf gestellt zu bekommen. Iris lebt ein freies, unabhängiges Leben und hat kein Interesse an den potentiellen Partner:innen, die ihre Mutter ihr ständig aufdrängt. Als sie Stevie kennenlernt, wird aus einem casual hook-up zuerst ein Katastrophenabend und in weiterer Folge durch allerhand Zufälle eine Fake-Dating-Beziehung. Stevie möchte von Iris lernen, wie sie ihre Anxiety in sexuellen Situationen überwinden kann, Iris erhofft sich von Stevie romantische Inspiration für ihren nächsten Roman. Gleichzeitig spielen die beiden die Hauptrollen in einer queeren, gender-swapped Produktion von Shakespeares Much Ado About Nothing mit Stevies Ex-Partnerin als Regisseurin. Eifersüchteleien, Missverständnisse und Konflikte sind unvermeidlich.

That feeling – self-conscious and lonely and, even though she knew it wasn’t true, like she was somehow wrong – lodged its claws into her heart, her chest, her stomach.

Interessant ist, dass sowohl Stevie als auch Iris sich in ihrer eigenen Persönlichkeit falsch fühlen: Stevie kämpft mit ihrer Schüchternheit und bewundert Iris für ihr (scheinbar) selbstverständliches Selbstbewusstsein. Iris hingegen hat aus ihren vergangenen Erfahrungen mit Grant und Jillian gelernt, dass sie verletzt wird, wenn sie sich auf romantische Gefühle einlässt. Sie weiß, dass sie sich nicht dafür schämen muss, sich auf folgenlose sexuelle Kontakte einzulassen, fühlt sich aber trotzdem falsch im Angesicht der Absichten ihrer Mutter und der Lebenssituationen ihrer fest verpartnerten Freundinnen (Delilah und Claire aus dem ersten Roman planen ihre Hochzeit). Gerade der Austausch miteinander zeigt den beiden neue Blickwinkel auf.

Romance bleibt Romance, das ist ohnehin klar. Wer queer romance lesen will, ist hier ausgezeichnet aufgehoben.

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English Erfahrungsbericht Memoir

Caroline Eden – Cold Kitchen

CN: Tod eines Hundes (wegen Krankheit), Erdbeben, Revolution, Erwähnung Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, Holocaust, Stalingrad, Holodomor, Genozid


But despite heavy clouds, a feeling of contentment hangs in the air, coming from the kitchen’s ability to be two things at once: to be an enclosed space that effectively opens up the world through taste and flavour and imagination.

Eine Kombination aus Reise- und Küchen-Memoir musste ich mir natürlich umgehend auf die Leseliste setzen, wo das Buch dann bis vor Kurzem sein Dasein fristete. In zwölf nach den Jahreszeiten geordneten Kapiteln erzählt die Autorin Caroline Eden von ihren (beruflichen) Reisen, deren kulinarische Erfahrungen sie mit nach Hause in die eigene schottische Küche in Edinburgh bringt. Als Hundebesitzerin konnte ich mich natürlich sehr identifizieren mit den Beschreibungen ihres Hunds Darwin, der ihr in der Hoffnung auf ein Leckerli durch Küche und Vorratskammer folgt.

Da ich das Buch auf Englisch gelesen habe, durfte ich auch so manche Zutaten nachschlagen: goutweed (Giersch), pike perch (Zander), swedes (Kohlrübe, Wikipedia klärt mich auf: in der Wiener Küche Kohlrabi), nigella (Schwarzkümmel), cloudberries (Moltebeeren), barberries (Berberitzen), u. v. a.

Was mir besonders gut gefällt: Sie beschränkt sich nicht auf Reiseberichte und Rezepte, sie ergänzt da und dort mit kulturellen Hintergründen wie etwa einem Exkurs über Lady Agnes Jekyll, die erste Food-Kolumnistin der britischen Tageszeitung The Times. Ihr Buch Kitchen Essays wurde dort erstmals im Jahr 1922 veröffentlicht. Darin bricht sie eine Lanze für das Mitbringen des eigenen Travel Foods, eine Tradition, in der ich mich selbst gern wieder finde. Caroline Eden schlägt dafür Hillside Pasties vor, was ich eventuell auch gern probieren würde, wenn ich mir endlich eine entsprechende Küchenmaschine zulegte …

An anderer Stelle erwähnt sie die Skulptur eines Schweins von Teodors Zaļkalns, die im Latvian National Museum of Art zu sehen ist. Dieser Hinweis führte mich zu diesem Museumsbericht, den ich mit großem Interesse gelesen habe.

Der Spagat zwischen Reise und Zuhause, der sich schon im Titel andeutet, geht für mich wunderbar auf. Die Autorin ist offen für die Welt, teilt ihre Eindrücke in ihrem Buch und bringt sie mit sich nach Hause. In ihrer eigenen Küche kann sie sich aber auch zurückziehen und eine Auszeit nehmen von der komplizierten und anstrengenden Welt da draußen, die heute wie zu allen anderen Zeiten viel zu viele Unmenschlichkeiten enthält.

I dig in and feel better, here in the kitchen. This enclosed space, so quiet and dark, the opposite of the noisy, confusing world outside.

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Erfahrungsbericht Memoir

Helen Keller – Die Geschichte meines Lebens

CN: Dieses Buch kann als das verstanden werden, was heute oft als inspiration porn kritisiert wird, ist im Kontext seiner Zeit aber ein wichtiges historisches Dokument. Im Kontext der Zeit werden auch Themen wie Krieg, Holocaust und Rassismus thematisiert.


Helen Keller wurde 1880 in Alabama geboren. Im Alter von 19 Monaten erkrankte sie schwer und verlor im Zuge dieser Krankheit ihr Seh- und Hörvermögen, die Ursache ist bis heute nicht vollständig geklärt. Sie wurde also als Kleinkind, das gerade im Begriff ist, die Welt zu erkunden von zwei zentralen Sinneswahrnehmungen abgeschnitten, diese Erfahrung mag ich mir nicht mal vorstellen.

Ich wusste, dass meine Mutter und meine Freunde nicht, wie ich, Zeichen benutzten, wenn sie etwas mitteilen wollten, sondern mit ihren Mündern sprachen.

Bemerkenswert ist, dass sie sich von ihren Behinderungen nicht aufhalten lässt. Frustriert über ihr Unvermögen, sich verständlich zu machen, kämpfte sie immer wieder mit Zornesausbrüchen. Ihr Leben erfährt eine erneute Wendung, als ihre Eltern eine Privatlehrerin für sie finden, die ihr neue Kommunikationswege eröffnet und für ihr weiteres Leben prägend sein wird. Helen lernt das Alphabet, das ihre Lehrerin ihr in die Hand schreibt, erlernt in weiterer Folge das Braille-Alphabet und erlangt durch das Lesen vielfältige Kenntnisse über die Welt. Ich war immer wieder überrascht über ihren unstillbaren Wissensdurst, der sie schließlich alle möglichen Widerstände überwindend an die Universität führt.

Besonders poetisch sind ihre Beschreibungen, wie sie die Welt wahrnimmt, wie und was sie ohne Seh- und Hörvermögen spürt, wie hier in ihrer Beschreibung ihres ersten Besuchs am Strand:

Ich spürte das Rasseln der Kiesel, wenn die Wassermassen zurückrollten. Der ganze Strand war ihrem heftigen Ansturm ausgesetzt und die Luft pulsierte von ihrem Rhythmus. Die Wellen rollten zurück und formierten sich neu zu noch mächtigeren Brechern. Fasziniert und angespannt zugleich klammerte ich mich an den Felsen und spürte das gewaltige Krachen und Donnern der Brandung!

Es kann nicht unerwähnt bleiben, dass Helen in der privilegierten Situation aufwuchs, dass ihre Eltern nicht nur den Willen, sondern auch die finanziellen Mittel und Kontakte (unter anderem zu Alexander Graham Bell, der sich zeitlebens für die Ausbildung von gehörlosen Menschen einsetzte) hatten, um ihr die Ausbildung und ständige Begleitung durch eine Privatlehrerin zu ermöglichen. Nichtsdestotrotz erscheint ihre Willenskraft und ihre unermüdliche Arbeit beinahe überirdisch, noch dazu in der damaligen Zeit.

Das vorliegende Buch beschreibt die ersten 20 Jahre ihres Lebens, ihre weitere Lebensgeschichte ist jedoch nicht weniger bemerkenswert (zum Beispiel hier auf Wikipedia nachzulesen). Ihre zunehmende Bekanntheit nutzte sie, um sich für die Ausbildung von behinderten Kindern und später für viele andere soziale Themen einzusetzen.

So viele Jahre später ist es leider immer noch (oder wieder) eine Tatsache, dass es behinderten Menschen außerordentlich erschwert wird, Bildung und Beschäftigung zu finden und an der Gesellschaft teilzuhaben. Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einer Freundin, in dem wir uns über Protestformen austauschten, in dem sie meinte, die Gesellschaft würde sich eben langsam verändern und radikale Proteste würden diesen Prozess eher behindern, weil sie grob gesagt „unsympathisch“ auf die Mehrheitsgesellschaft wirkten (sehr verkürzt dargestellt, das ganze Gespräch würde den Rahmen sprengen). Helen Keller hat (aus meiner Sicht) auf Aufklärung und Verständnis gesetzt und trotzdem ist es nach so langer Zeit noch nicht selbstverständlich, dass behinderten und chronisch kranken Menschen die Unterstützung gegeben wird, die sie zur Teilhabe benötigen. Unsere Welt ist komplexer geworden und es mag im Alltag überfordernd sein, die vielen verschiedenen Bedürfnisse unterschiedlicher Menschen und ihrer Lebensumstände zu verstehen und zu berücksichtigen. Was mir jedoch gerade das Herz bricht, ist, dass es so viele Menschen gibt, die das nicht mal versuchen wollen.

Mir selbst hat – wie auch Helen Keller – lange das Lesen andere Perspektiven auf die Welt ermöglicht. Heute kenne ich persönlich und über das Internet viele Menschen, die mit den unterschiedlichsten Herausforderungen in ihrem Alltag konfrontiert sind und dabei viel zu oft Abwertung und mangelnde Unterstützung erfahren. Uns, die versuchen wollen, eine Welt zu schaffen, in der allen Menschen gleich viel Wert beigemessen wird, in der allen Menschen die gleiche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht wird, bleibt nur, die Hoffnung nicht zu verlieren, und weiter für Verständnis und Solidarität einzutreten. In jedweder Form, die wir für richtig halten.