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Roman

Lauren Groff – The Vaster Wilds

CN: Hunger, Gewalt, Krankheit, Mord, Vergewaltigung, Kolonialismus


Das wird nicht ohne Spoiler gehen. Das Ende dieser Geschichte hat mich dermaßen frustriert, dass ich unmöglich darüber schreiben kann, ohne zu spoilern.

The soreness in her body from her six days running was such that she felt infinitely older than her years, a wizened hag, and she knew that, even should she have long months of only rest, there had been things in her body that had been changed forever. She was but sixteen or seventeen or perhaps eighteen years of age, but the wilderness had so moved upon her that she would never be young again.

Das Buch beginnt mit der Flucht der Protagonistin – sie wird the girl genannt, ihr Name nur in Rückblenden thematisiert – aus einem belagerten Ort. Im Dunkel der Nacht läuft sie in die Wildnis. Während ihrer Flucht durch die Natur, die ungefähr zwei Wochen dauert, wird in Rückblenden erzählt, wie sie dorthin gekommen ist. Wir befinden uns in Amerika, irgendwann in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (es wird Queen Bess erwähnt, lt. Wikipedia ist damit Elizabeth I (1533–1603) gemeint). Englische Einwander:innen wollen sich im „entdeckten“ Amerika ansiedeln und legen sich dabei mit den Einheimischen an. Das ist auch der Grund, weshalb das Lager, aus dem die Protagonistin flieht, unter Belagerung steht und die Siedler:innen Hunger leiden.

Das Mädchen ist eigentlich eine Jugendliche in ihren späten Teenagerjahren, wie sich aus den Rückblenden ergibt. Sie träumt von einem niederländischen Glasbläser, in den sie sich während der Überfahrt nach Amerika verliebt hat. Seinen Namen kannte sie nicht und er ist während eines Sturms über Bord gegangen und vermutlich ertrunken. Sie erinnert sich daran, wie ihre Mistress sie aus dem Waisenhaus geholt hat. Schon im Alter von vier Jahren muss sie als Dienerin arbeiten.

Auf ihrer Flucht durch den Wald in Richtung der französischen Siedlung, die sie im Norden vermutet, findet sie auf erstaunliche Weise Nahrung. Sie grillt Eichhörnchenbabies, stiehlt Eier aus Nestern, isst die ersten Frühlingstriebe der Nadelbäume, sammelt Beeren, fängt Fische. Deshalb ist es auch so furchtbar frustrierend, dass sie am Ende an einer Infektionskrankheit stirbt, die sie sich vermutlich durch die gestohlenen Stiefel geholt hat. Sie hätte es verdient, dass sich ihre ganze Mühe lohnt. Und direkt davor hatte ich auch ein Buch mit einem frustrierenden Ende gelesen …

Die eigentliche Geschichte wird in den Rückblenden erzählt, es wird enthüllt, welches schockierende Ereignis überhaupt zu ihrer Flucht geführt hat. Es zeigt die Grausamkeit von Menschen unter extremsten Bedingungen und wie das ungebildete Mädchen aus dem Waisenhaus ein stärkeres Moralverständnis hat als die – vermeintlich „besseren“ – Menschen, die sie an diesen Ort verschleppt haben.

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Roman

Jacqueline Harpman – I Who Have Never Known Men

CN: Gefangenschaft, Einsamkeit, Krebs, Tod, Mord, Suizid


Perhaps I have tried to create time through writing these pages. I begin, I fill them with words, I pile them up, and I still don’t exist because nobody is reading them. 

Vermutlich werd ich auf Lithub von diesem Buch gelesen haben, im Juli 2022 wurde dort ein Excerpt geposted. Das Buch hatte ich seit Längerem auf meiner Liste, vor einiger Zeit habe ich dann ein Hold gebucht, weil das Buch immer langfristig vergeben und damit also sehr gefragt war. Daraus hatte ich wiederum geschlossen, es wäre ein aktuelles Werk, obwohl das französischsprachige Original bereits im Jahr 1995 erschienen ist und die Autorin 2012 verstorben ist. Gerade wurde eines ihrer anderen Werke We Were Forbidden auf englisch (neu?) veröffentlicht. Parnassus hat ein Interview mit der Übersetzerin Ros Schwartz geführt: A Creative Act, Period: An Interview with Translator Ros Schwartz.

Eine Gruppe von 40 Frauen wird in einem Bunker in einem Käfig gefangen gehalten. Die Jüngste von ihnen erzählt diese Geschichte. Sie beschreibt zuerst die Bedingungen der Gefangenschaft: Die Frauen werden immer von drei Wächtern beaufsichtigt. Sie dürfen sich gegenseitig nicht berühren, sie dürfen sich nicht selbst etwas antun. Sie erhalten gerade so viel Wasser und Nahrung, dass sie überleben können. Alle außer der Erzählerin erinnern sich an ihr Leben vor der Gefangenschaft, aber keine weiß, warum sie gefangen gehalten werden oder wie sie an diesen Ort gekommen sind.

Eines Tages ertönt während des Wachwechsels ein Alarmsignal, die Wärter verschwinden, die Protagonistin ergreift ihre Chance und die Frauen entkommen ihrem Käfig. An der Oberfläche finden sie ein weites, ebenes Land, von den Wächtern keine Spur. Bei ihren Erkundungsgängen finden die Frauen weitere Bunker wie den, aus dem sie entkommen sind. Der einzige Unterschied: in allen anderen Bunkern sind die Gefangenen nicht entkommen.

Whether it was their fault or not, they’d gone mad by force of circumstance, they’d lost their reason because nothing in their lives made sense any more. 

Die Frauen haben ihren Käfig verlassen und sind trotzdem weit entfernt von der Welt, an die sie sich erinnern. Sie wissen nicht mal, ob sie auf einem anderen Planeten sind. Aus den Vorräten in den Bunkern können sie sich versorgen, sie bauen Häuser und bauen sich ein neues Leben auf. Und doch bleibt es immer nur ein Überleben. Zuerst sterben die Älteren unter ihnen; mit den Jahren erkrankt eine nach der anderen an der Aussichtslosigkeit und Eintönigkeit ihres Lebens, am gänzlichen Loslassen aller Hoffnung und aller Erwartungen.

There had been so much hope when we’d escaped from the prison, and then this slow dissipation, the gradual abandonment of all expectations, a defeat that had killed everything without a battle. She wondered when it had dawned on us that we were as much prisoners out in the open as we had been behind bars.

Das ist eines dieser Bücher mit einer vorangestellten Einleitung, die eigentlich am Ende stehen sollte. Ich habe die Einleitung erst nachträglich gelesen, sie nimmt Bezug auf viele Ereignisse der Handlung und erklärt diese zusätzlich. Ich selbst habe viele Parallelen, die Sophie Mackintosh in der Einleitung zieht, gar nicht wahrgenommen. Sie schreibt, dass die Protagonistin ein Beispiel dafür ist, wie ein Mensch sich entwickelt, der ohne Kultur, ohne soziale Konstrukte, ohne Wissen aufwächst. Was wird aus einem Menschen, der zurückgeworfen auf seinen eigenen Kern in Isolation erwachsen wird? Diesen Teil kann ich noch nachvollziehen, Mackintosh schreibt aber auch, dass die Frage, ob die Frauen jemals eine Antwort gefunden hätten, wenn sie nur länger und weitläufiger gesucht hätten, gar nicht beantwortet werden soll. Sie meint, es ginge eigentlich um den Prozess des Damit-Fertig-Werdens, um das Verständnis von uns selbst.

Would they have found the answers over a distant horizon, even if decades in the future? […] It’s a puzzle that cannot be solved, isn’t supposed to be solved, because it is in the process of grappling with it that we discover the point of ourselves. (Introduction by Sophie Mackintosh, 2019)

Schon aufgrund der Situation, dass eine einsame Person ihre Geschichte aufschreibt, drängt sich die Erinnerung an Marlen Haushofer – Die Wand auf. Ähnlich ist auch, dass durch die ungewöhnlichen Lebensumstände Alltagssituationen gleichzeitig ausgeschaltet werden und analysiert werden können. Ich erinnere mich, dass Haushofers Protagonistin beschreibt, wie unbedeutend ihre Weiblichkeit nun ist, da sie allein im Wald mit ihren Tieren lebt. Bei Harpman geht es darum, wie die Situtation sich auf die Frauen auswirkt, aber auch wie sich die Protagonistin, die nicht nur keine Männer, sondern auch kein Leben vor dem Käfig kannte, von ihren Mitgefangenen unterscheidet. Da sich die Frauen im Käfig nicht berühren dürfen, wurde auch die Protagonistin als Kind nie umarmt oder durch Berührungen getröstet. Berührungen bleiben ihr zeitlebens zuwider. Sie kennt keine sozialen Traditionen, sie lehnt sich auf dagegen, dass sie als Jüngere den Befehlen der älteren Frauen gehorchen soll. Die Abwesenheit einer Vergangenheit scheint sie gleichzeitig stärker zu machen. Den Tod ihrer letzten Mitgefangenen empfindet sie nicht als Verlust. Es verschafft ihr Freiheit, sich nicht mehr um eine andere Person kümmern zu müssen.

We had survived the prison, the plain and the loss of all hope, but the women had discovered that survival is no more than putting off the moment of death.

Aber auch die Erzählerin wird alt, ohne der Lösung des Rätsels wirklich näher zu kommen. Die Fragen bleiben unbeantwortet.

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Fantasy Roman

Robert Jackson Bennett – A Drop of Corruption

CN: Mord, Gewalt, Leichenteile, Sklaverei, Suizidgedanken


But to me, your plans taste like the fantasies of a young man, attempting to invent a way out. We are small things, Kol. We are given no charity in this world.

Letztes Jahr hat Robert Jackson Bennett mit The Tainted Cup den Hugo Award gewonnen, dieses Jahr ist bereits die Fortsetzung nominiert. Auf dem Cover meines geliehenen eBooks steht „An Ana and Din Mystery“, was darauf hindeutet, dass eine Reihe geplant ist. Da meine Mitleser:innen im Hugo-Award-Buchclub keine großen Murder-Mystery-Fans sind, habe ich dieses unabhängig gelesen. Unser nächstes gemeinsames Buch wird The Everlasting von Alix E. Harrow sein.

Wir begleiten Ana und Din in eine unbekannte Region des Empires, in der ein Mitglied einer Delegation getötet wurde, die über den Anschluss des Königreichs an das Empire verhandeln soll. Die politische Komponente einerseits und die geheimnisvolle Umsetzung des Verbrechens andererseits machen Anas Fähigkeiten in diesem Fall unentbehrlich. Daraus ergibt sich schnell eine komplexe Intrige, die Din in den Dschungel führt, wo Menschen scheinbar in Pflanzen verwandelt worden sind.

Die Geschichte ist flüssig erzählt und bleibt bis zum Ende spannend. Während sich The Tainted Cup für mich wie ein Buch über Armand Gamache und Three Pines anfühlte, verspürte ich hier eher den Vibe einer kompletten Staffel Criminal Minds.

Mit zunehmendem Zeitverlauf fühlt sich ein Aspekt etwas angestrengt an: Die Auflösung von unnachvollziehbaren Zusammenhängen wird stets von Ana erzählt. Jede:r mag eine eigene Meinung zum klassischen Schriftsteller:innen-Rat show, don’t tell haben; in diesem Fall fühlt es sich einfach zunehmend repetitiv an, wie Ana alle in ihrer Umgebung mit ihren Erkenntnissen „erleuchtet“.

Neben oder zwischen der Lösung des Kriminalfalls werden auch wieder gesellschaftliche Ungerechtigkeiten angesprochen. Din wird von einer Schuldeneintreiberin verfolgt, was seine Zweifel an seiner Stellung als Anas Assistent antreibt. Als Soldat auf den Mauern, die die Leviathans abhalten, würde er nicht nur mehr verdienen; er hält diese Aufgabe auch für wichtiger. Als Ermittler klärt er Verbrechen auf, die bereits geschehen sind; das erscheint ihm weniger wichtig als das Verhindern von menschlichem Leid. Ana hat ihn natürlich längst durchschaut und teilt ihre eigenen Erfahrungen mit ihm: Manche kommen zur Justiz und lernen dort den Wert dieser Arbeit; andere – wie Ana selbst – kommen schon mit der Überzeugung dorthin, dass Gerechtigkeit nur auf diesem Weg erreicht werden kann.

Ein weiterer Aspekt ist die gesellschaftliche Struktur des Königreichs, das ins Empire eingegliedert werden soll. Wir haben es hier mit einer nahezu mittelalterlichen Monarchie zu tun, in der eine strenge Hierarchie besteht. Unter der königlichen Familie steht der Adel sowie hohe Beamte, ganz unten die naukari, deren Leben rein darin besteht, zu dienen. Durch die Eingliederung des Königreichs ins Empire würde sich auch diese Gesellschaftsordnung verändern. Die naukari sind aktuell nichts anderes als Sklaven. Im Empire gibt es diese Art der Leibeigenschaft nicht. Daher sind die Verhandlungen zwischen Königreich und Empire für alle Beteiligten immens wichtig.

That though a person’s mind may be shaped differently, their hearts and souls are all too human.

Nachdem wir im Buchclub über Death of the Author gesprochen haben, ist mir noch viel mehr klar geworden, auf wie vielen Ebenen dieses Buch großartig ist. G. hatte sehr in die Tiefe recherchiert, den gleichnamigen Essay aus dem Jahr 1967 von Roland Barthes gelesen und alles miteinander in Verbindung gesetzt. Nnedi Okorafor hat ein sehr komplexes Werk geschaffen, dass sich zumindest für mich beim ersten Lesen nicht in seiner Vollständigkeit erschlossen hat. Daran kommt Robert Jackson Bennett in meinen Augen nicht heran. Versteht mich nicht falsch, ich habe A Drop of Corruption gern gelesen. Aber wie bereits im letzten Jahr (als Someone You Can Build a Nest in mein Favorit war) ist es mir nicht originell genug, um den Hugo Award zu verdienen.

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Krimi Roman

Jussi Adler-Olsen – Selfies

CN: Mord, Gewalt, selbstverletzendes Verhalten, psychische Gewalt, Depression, psychische Krankheit, Waffen, Alkoholismus, Drogenkonsum, Psychiatrie, Krebs, Sexismus


Am heißesten Wochenende, an das ich mich erinnern kann, war ich sowohl körperlich als auch mental komplett am Sand. Draußen legte sich die Hitze wie eine Gewichtsdecke über alles, die Luftqualität war so schlecht, dass das Atmen spürbar schwerer fiel. Auch drinnen war jede Bewegung eine zuviel. Daher las ich an einem Tag einen weiteren Geocache-relevanten Krimi.

Wie schon zuletzt bei Sissis Tod konnte ich leider auch hier mit der Darstellung der Geschlechterrollen nichts anfangen. Alle relevanten weiblichen Frauenfiguren wurden auf irgendeine Weise negativ portraitiert. Die Sozialarbeiterin, die nach einer Krebs-Diagnose in einen Gerechtigkeitswahn verfällt; ihr Feindbild – die Sozialschmarotzerinnen –, die sich auf Staatskosten vor der Arbeit drücken und nicht zuletzt die Ermittlerin, die auf grausamste Weise vom Trauma ihrer Kindheit eingeholt wird. Ein weiteres Beispiel bringt das folgende Zitat über eine unfreundliche Sekretärin:

Bis diese Klimakteriumshölle überstanden war, würde er besser einen Bogen um die Furie machen.

Die männlichen Protagonisten sind nicht perfekt, aber einfach deutlich anders dargestellt. Es handelt sich hier um den 7. Fall einer Reihe um die Ermittlungsgruppe des Sonderdezernat 0, vielleicht habe ich hier also zufällig einen Ausreißer erwischt und die anderen Bücher der Reihe sind weniger sexistisch. Ich kann mir aber nicht vorstellen, das in absehbarer Zeit herausfinden zu wollen.

Der primäre Kriminalfall ist für die Leser:innen von Anfang an gelöst, wir kennen bereits die verdrehte Entwicklung der Serienmorde. Dazwischen gibt es jedoch noch die Verwicklung eines der Opfer in einen anderen Mordfall sowie die familiären Hintergründe für Roses psychischen Zustand. Die titelgebenden Selfies spielen in der Geschichte überhaupt keine Rolle. Nicht mein Geschmack.

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Biografie Sachbuch

Rainer Willmann – Ernst Haeckel. Biologe, Künstler, Philosoph und Freidenker

CN: Erwähnung Krankheit, Tod, Sklaverei, 1. Weltkrieg, Nationalsozialismus, Eugenik, Suizid (im historischen Kontext)


Im letzten Jahr ist mir Ernst Haeckel in Form seines Werks Kunstformen der Natur gleich zwei Mal begegnet. Zuerst spielte es eine Rolle in What you are looking for is in the library, wo es einem jungen Menschen als Inspiration dient, seine Zeichenkunst neu zu beleben. Dann wurde es in einem der vielen Bücher, die ich im Rahmen meiner Recherche zum Jugendstil konsultiert habe, erwähnt (leider weiß ich nicht mehr, welches). Es hieß, die Kunstformen hätten als Vorbild gedient für die Naturformen, die im Jugendstil so charakteristisch für Dekorationselemente verwendet werden. Die Tatsache, dass ein Naturwissenschaftler diese künstlerischen Darstellungen erschaffen hatte, hatte mich neugierig genug gemacht, um mir diese Biographie aus der Bücherei zu holen. Eine Übersicht über Ernst Haeckels Leben und Wirken könnt ihr selbst auf der Wikipedia nachlesen. Ich möchte in diesem Post auf die Aspekte eingehen, die mir besonders aufgefallen sind.

Mit der Entdeckung der Selektion als einem der Hauptfaktoren der Evolution warf das Wissen um die Entwicklung des Lebens mit einem Mal ein klärendes Licht auf alle Bereiche der Lebenswissenschaften. Es gab eine geradezu mechanische Ursache für den Artenwandel! So begann er [Ernst Haeckel] ein Werk, das die gesamte Biologie auf das Fundament der Evolution stellen sollte. Aber seine Sicht auf sein Leben war von tiefem Pessismismus geprägt. Zugleich vollendete dieser Schicksalsschlag [der Tod von Haeckels erster Frau Anna] seinen »völligen Bruch mit dem Kirchenglauben.«

Ernst Haeckel wurde Wissenschaftler zu einer Zeit, als Charles Darwin mit seiner Evolutionslehre (heute Evolutionstheorie) die Wissenschaft auf den Kopf stellte. Haeckel trug massiv dazu bei, die Evolutionstheorie im deutschsprachigen Raum zu verbreiten und stand deshalb in ständigem Konflikt mit der Kirche. Der frühe Tod seiner ersten Frau Anna Sethe (siehe Zitat oben) trug weiters dazu bei, dass sich Haeckel von der Kirche distanzierte. Seine Position wurde als „im Kleide der Naturwissenschaft auftretender Atheismus“ weithin kritisiert. Denn die Abkehr vom Glauben an einen allmächtigen Schöpfer, der den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen habe, hin zu einer Wissenschaft, die die Abstammung des Menschen vom Affen nachwies, rüttelte an Gesellschaft, Politik und Weltbild.

Ein zentraler Punkt hier ist die (nach damaligem wissenschaftlichem Stand) Unterscheidung zwischen Menschenarten und Menschenrassen. Damit war grob gemeint, dass verschiedene Menschenarten an verschiedenen Orten der Erde (zB Europa, Afrika, Amerika) unabhängig voneinander entstanden sein sollen. „Anlass war die Auffassung vieler Autoren, es gebe mehrere Menschenarten, denn mit ihnen hätte man die Sklaverei rechtfertigen können: Auf andere Arten musste man das Bibelwort, man solle seinen Nächsten lieben, wie sich selbst, nicht notwendigerweise anwenden.“ Eine andere Menschenart könne daher wie eine Tierart behandelt werden. Verschiedene Menschenrassen hingegen hätten alle den gleichen Ursprung und sich aufgrund unterschiedlicher Gegebenheiten unterschiedlich entwickelt. Damit wären alle Menschen gleich zu behandeln, was Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts einen entscheidenden Umbruch bedeutete. Menschenarten wurden je nach ihrem Zivilationsgrad als unterschiedlich wertvoll betrachtet, was laut Kleeberg eine „biologische Rechtfertigung des Kolonialismus eröffnete“.

Haeckel erlebte den 1. Weltkrieg als gealterter Mann, der seinen geliebten Forschungsreisen nicht mehr nachgehen konnte und von der Sinnlosigkeit und Grausamkeit tief betroffen war. Er starb 1919 und musste immerhin nicht mehr miterleben, wie seine Forschung und seine Aussagen in der Zeit des Nationalsozialismus instrumentalisiert wurden. Autor Rainer Willmann hat intensiv recherchiert und verglichen: Für Haeckel war „Pazifismus eine Pflicht der Humanität“, er „propagierte einen internationalen Altruismus. Er hob den wertvollen Beitrag der gebildeten Juden zur kulturellen Entwicklung Deutschlands hervor; Antisemitismus lag ihm persönlich fern“.

Problematisch sind jedoch einige Aussagen von Haeckel zum Wert des menschlichen Lebens. Im Kapitel „Wertschätzung des Lebens“ beschreibt Willmann, wie Atheist Haeckel argumentiert, dass der von der Kirche verpönte Freitod das Recht des einzelnen Menschen sei, „seinen Qualen durch freiwilligen Tod ein Ende zu machen“. Haeckel wird auch dahingehend zitiert, dass ihm die Strafe des „lebenslänglichen Zuchthauses“ als grausamer erscheint als die Todesstrafe, deren Abschaffung damals in Deutschland intensiv diskutiert wurde. Als dritter Aspekt wird die Frage aufgeworfen, ob das Leben von Schwerkranken unter allen Umständen verlängert werden soll (eine Frage, die noch heute immer wieder diskutiert wird). Dabei wird dieses schwerkranke Leben mit einem niedrigeren Wert versehen. Spezifisch nennt Haeckel die „Geisteskranken“, womit natürlich sofort klar wird, dass hier nicht die Betroffenen über den Wert (oder das Ende) ihres eigenen Lebens entscheiden, sondern andere.

Nach diesen kritischen Aspekten muss natürlich noch erwähnt werden, welchen umfassenden Beitrag Haeckel für die Wissenschaft in Deutschland geleistet hat. Seine vielen Forschungsergebnisse fasste er auch in populärwissenschaftlichen Werken wie den Welträtseln (1899) oder den Lebenswundern (1904) zusammen. Sein wissenschaftliches Werk ist umfassend und mit seiner Verbindung von Biologie, Philosophie und Kunst hebt er sich ab von vielen anderen seiner Zeit. Eine spannende Persönlichkeit, umfangreich dokumentiert und portraitiert.

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Krimi Roman

Bernhard Barta – Sissis Tod

CN: Mord, Gewalt, Sexismus, Alkoholmissbrauch


Vor meinem (relativ) spontanen Ausflug nach Bad Ischl hatte ich noch Zeit, diesen Regionalkrimi zu lesen und den dazugehörigen Literaturcache lösen. Leider hat mir das Buch überhaupt nicht gefallen. Es gibt keine einzige Frau, die nicht in irgendeiner Form sexistisch bewertet oder abgewertet wird. „Einfältige Dirndln“ ist da noch ein harmloses Beispiel. Bier und Schnaps fließen reichlich bei allen Beteiligten, an Klischees wie Beschwerden über die „knausrigen Tagesgäste“ wird auch nicht gespart. Immerhin hab ich den Cache dann gefunden. Das Buch war absolut nicht meins.

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English Roman

Nnedi Okorafor – Death of the Author

CN: Drogenkonsum, Sexismus, Ableismus, Unfall, Panikattacken, Tod eines nahen Angehörigen


Schreiben ist gerade wieder schwierig, daher ist schon einige Zeit vergangen, seit ich dieses Buch als Teil unseres Hugo-Awards-Nominees-Buchclubs gelesen habe. Es hat mich jedenfalls in seiner Vielschichtigkeit begeistert.

Die Protagonistin Zelu ist eine selbstbestimmte Frau, die nicht nach den Regeln der Gesellschaft oder ihrer Familie spielen will. Im Alter von zwölf Jahren ist sie aus einem Baum gestürzt und kann sich seitdem nur noch im Rollstuhl fortbewegen. Als schwarze, behinderte Frau erlebt sie immer wieder sexistische und ableistische Beleidigungen. Doch sie weigert sich aktiv, die Rolle anzunehmen, die ihr von Familie und Gesellschaft zugeteilt wird. Sie nutzt autonome Taxis, um sich fortzubewegen und nimmt später die Möglichkeit an, durch ein modernes Exoskelett-Projekt wieder gehen zu können.

But I’d heard Zelu loud and clear. She blamed herself and her arrogance for all that had happened, no matter what anyone said or what her logical brain knew. She couldn’t help it. It was how she’d been able to accept what she was. She had to own it. But the problem is, blame comes with guilt, and guilt is heavy, and that pressure just keeps building. 

Ihre aus Nigeria stammende Familie steht in ständigem Konflikt mit Zelu. Lange war mir nicht klar, warum ihre Familie sich so sehr dagegen wehrt, dass Zelu selbständig leben möchte. Erst gegen Ende hin habe ich verstanden, dass Zelus Familie ihr die Schuld für ihre Behinderung gibt. Mit ihrem Fall aus dem Baum hat sie sich selbst zur Belastung für ihre Familie gemacht. Jede neue Aufregung, die Zelu nun in die Familie trägt, wird als weitere Zumutung empfunden.

Stories were the greatest currency to us, greater than power, greater than control. Stories were our food, nourishment, enrichment. To consume a story was to add to our code, deepen our minds. We felt it the moment, we took it in. We were changed. It was like falling. It was how we evolved. 

Zelu erlangt durch einen Roman über Roboter Berühmtheit. Die Kapitel dieses Romans sind immer wieder zwischen den Kapiteln über Zelu eingestreut. In ihrem Buch geht es um Roboter, die eine von Menschen entvölkerte Erde bewohnen. Manche dieser Roboter sind auf der Suche nach Geschichten, andere verlangt es nach Macht (was die Roboter auf eine zutiefst irritierende Weise menschlich wirken lässt). Eine aus der Not entstandene Freundschaft zwischen dem humanoiden Roboter Ankara und dem körperlosen Robotergeist Iyele zeigt auf, dass die verfeindeten Roboterspezies eigentlich gar nicht so unterschiedlich sind, wie es auf den ersten Blick wirkt.

Es gäbe noch so viel mehr über dieses Buch zu schreiben. Für den Moment muss es reichen, dass ich mit diesem Blog Post einen Bann durchbrochen habe. Hoffentlich bringen die nächsten Tage weitere Fortschritte.

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Biografie Sachbuch

Andrea Kettenmann – Frida Kahlo

CN: Unfall, Krankheit, Fehlgeburt, Revolution, Blut


Beim letzten Bücherei-Besuch musste konnte ich etwas improvisieren und habe mir dabei auch dieses Buch mitgenommen. Frida Kahlo ist sicher die berühmteste Malerin Mexikos. Mit ihren intimen Gemälden, die ihre inneren (Schmerz-)Zustände verdeutlichen, hat sie einen ganz eigenen Stil erschaffen.

Aus den Texten erfuhr ich einige Details, wie etwa, dass Fridas Großeltern väterlicherseits aus Deutschland nach Mexiko gekommen waren. Ihr Vater Wilhelm Kahlo („deutsch-ungarischer Herkunft“) war Berufsfotograf und ließ seine interessierte Tochter an seinen Spaziergängen teilhaben, wobei sie Erfahrungen für ihre spätere Malerei sammelte. Ihre gesundheitlichen Probleme beginnen bereits im Alter von sechs Jahren (etwa 1913), als sie an Kinderlähmung erkrankte. Ihr rechtes Bein blieb davon dauerhaft deformiert zurück. Im Jahr 1925 wird sie bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. Ihr Körper wird sich davon nie mehr vollständig erholen. Während der langen Zeit, in der sie bewegungslos im Bett liegen muss, beginnt sie, zu malen.

Bereits als junge Frau zeigt sie große Eigenständigkeit. Ein Foto aus dem Jahr 1926 zeigt sie im Männeranzug neben Schwestern und Cousine (selbstverständlich in Kleidern). Später wird sie ihrem Ehemann Diego Rivera zuliebe oft die traditionell-mexikanischen Tehuana-Gewänder tragen und sich auch in diesen malen. Ihre vielen Selbstporträts enthalten meist Symbole, die auf ihre mexikanische Herkunft und die indigenen Traditionen verweisen. In späteren Jahren lässt sie sich zunehmend weniger auf die traditionelle Frauenrolle ein. Zeit ihres Lebens engagiert sie sich politisch und nimmt noch wenige Tage vor ihrem Tod im Rollstuhl an einer Demonstration gegen den Sturz der demokratischen Regierung des guatemaltekischen Präsidenten Jacobo Arbenz Guzmán durch den CIA teil.

Mir fällt der harte Kontrast zwischen ihren Selbstporträts und den teilweise verstörenden Darstellungen auf, mit der Frida Kahlo ihre gesundheitlichen Leiden illustriert. Vielen bekannt ist vermutlich das Bild La Columna Rota (1944). Es zeigt die Malerin mit offenem Brustkorb, der den Blick auf eine gebrochene Säule freigibt. Ihr Körper ist außerdem von einem Lederkorsett gestützt. Zahlreiche Nägel bohren sich in die nackte Haut ihres Oberkörpers, aus ihren Augen fließen Tränen. Es gibt jedoch auch Bilder, in denen sie mit verschiedenen Symbolen eine Fehlgeburt darstellt oder das Bild Die zwei Friedas (1939), das kurz nach ihrer Scheidung von Diego Rivera entstand. Es zeigt Frida in zwei verschiedenen Kleidungsstilen mit freiliegenden Herzen, die mit einer Ader miteinander verbunden sind. Die „europäisch“ gekleidete Frida hält eine Klemme in der Hand, aus der damit verbundenen Ader tropft Blut auf ihr weißes Kleid.

„Meine Themen waren schon immer meine Empfindungen, meine Geisteszustände und die heftigen Reaktionen, die das Leben in mir hervorruft.“ (Frida Kahlo)

Gerade habe ich große Lust, mich wieder mehr mit Kunst zu beschäftigen. Hoffentlich schaffe ich es bald ins Kunsthistorische Museum. Die Ausstellung A Bite of Art – Genuss in der Kunst klingt sehr spannend.

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Roman

Isabella Feimer – stella maris

CN: Vergewaltigung, Erwähnung Krieg


Bedeutungslose Reflexionen über Raum, über Zeit, liebster Joe, damit sie vergeht und ich vielleicht mit ihr, noch habe ich mich mit der Unsterblichkeit nicht abgefunden, […]

Ein Zufallsgriff in der Bücherei, weil ich das, was ich eigentlich wollte, nicht finden konnte. Gedichte / Lyrik sind für mich eher schwierig zu lesen, weil so viel Interpretation dabei ist, so viele Unklarheiten. Das ist bei diesem Buch ähnlich. Die Schreibweise mäandert vor sich hin, es gibt keine vollständigen Sätze, oft stehen einzelne Worte in einer Zeile, Gedankengänge werden abgebrochen und (manchmal) später fortgesetzt. Es ist nicht einfach zu lesen, hat mich aber doch sehr beeindruckt. Ob das Buch schon als novel in verse gilt? Das müssen andere beurteilen.

Die wenigen namentlich bezeichneten Protagonist:innen befinden sich auf einem Raumschiff, falls ein Ziel genannt wurde, habe ich es wieder vergessen. Die Stimmung ist jedenfalls düster und hoffnungslos. Die Protagonistin Eva verliert sich in Erinnerungen, lässt den Duft von Orangenlikör wieder aufleben, übermalt Anführungszeichen mit Butterblumen und erinnert sich an frühere Liebschaften.

Nur noch Stücke vorhanden, Unvollständiges, Fragmente von Leben, von der Zeit zerfetzte Leinwand, in die gehüllt ich immer wieder erwachte, dort ein Relief, das mir gewesene Zukunft zeigte, […]

Einen roten Faden suchte ich zunächst, habe mich dann aber einfach der Sprachmelodie hingegeben. Vielleicht ist das ein anderer Zugang; vielleicht muss ich meine Suche nach der Bedeutung eines Textes hintan stellen und einfach nur den Worten und ihrem Gefühl folgen.

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Krimi Roman

Christian Schleifer – Perchtoldsdorfer Todesrausch

CN: Alkohol- und Drogenmissbrauch, sexuelle Handlungen, Prostitution, homophobe und sexistische Äußerungen, Vergiftung, Mord


Uff, ach, was soll ich sagen. Mir schwirrte ja schon bei meinem ersten Charlotte-Nöhrer-Krimi die Frage im Kopf herum, ob die immer wieder angedeutete Vorgeschichte in Schladming wohl in einer anderen Reihe von Lokalkrimis existieren würde. Stellt sich raus: ja und nein. In diesem Buch erzählt der Autor genau diese Vorgeschichte: was ist damals in Schladming passiert, bevor Charlotte aufs Weingut ihrer Familie nach Perchtoldsdorf zurückgezogen ist und wie hat Charlotte ihre Lebensgefährtin Andrea kennen gelernt. Im Nachwort löst der Autor außerdem auf:

Das ist der erste Charlotte-Nöhrer-Krimi, den ich geschrieben habe. Der allererste. Vor mehr als zwanzig Jahren, nachdem ich zum ersten Mal in Schladming Skifahren war.

Und ich muss leider sagen: das zeigt sich deutlich. Der Kriminalfall ist originell, aber alles drumherum wirkt nicht ausreichend durchdacht bis schlicht und einfach unglaubwürdig. Ein gesprächiger Kellner, der sich von einer hübschen Frau zum Ausplaudern von Geheimnissen überreden lässt, mag ja noch angehen. Dass die Charlotte aber überhaupt ins Puff reingelassen wird, um mit ebendiesem vielbeschäftigten Kellner einen Schwatz zu halten und zufällig einem Mord beizuwohnen, war mir einfach zu weit hergeholt. Der Gipfel dann: Charlotte und Andrea gehen – ohne irgendwem Bescheid zu sagen – zur Mordverdächtigen nach Hause und lassen sich von ihr Kaffee servieren, wo sie doch wissen, dass diese freigiebig K.O.-Tropfen verteilt.

Die Perchtoldsdorf-Krimis von Christian Schleifer fand ich bisher ganz unterhaltsam, diese Vorgeschichte leider unterdurchschnittlich.


Diese Woche haben wir es endlich in die Eisenbahn-Ausstellung Im Bann der Bahn. 200 Jahre Eisenbahn im Technischen Museum Wien geschafft. Wir verbrachten etwa 1,5 Stunden damit, uns die Eisenbahnmodelle unterschiedlicher Größen und die Exponate aus 200 Jahren Eisenbahnwesen anzuschauen.

Modell eines Eisenbahnwaggons, der zum Bier-Transport benutzt wurde, der linke Teil der Verkleidung ist offen, dahinter sind stabiliserende Holzbalken und Bierfässer zu sehen

Zwischen Weichen, Kupplungen und anderen Bahn-relevanten Ausstellungstücken wurden auch viele Informationen aufbereitet. Von der Pferde-Eisenbahn, über Dampf und Diesel bis zur heute vorherrschenden elektrischen Versorgung wird die Geschichte der Eisenbahn nachgezeichnet. Bei den jüngeren Besucher:innen (und uns …) sorgte eine Modellbahnanlage im Maßstab N für Begeisterung. Die Anlage wurde vom Verband Österreichischer Modell-Eisenbahn-Clubs (VOEMEC) gestaltet und ist am Wochenende und an Feiertagen in Betrieb. Mich freute besonders die Nachbildung von inzwischen still gelegten Bahnhofsanlagen im Niederösterreich wie Groß-Siegharts und Bad Pirawarth.

Modell des Bahnhofsgebäudes in Gross-Siegharts, neben dem Gebäude drei Gleise mit Schotterbahnsteigen und verteilten Personen darauf, vor dem Bahnhofsgebäude steht ein Autobus

Auch die eine oder andere Kuriosität findet sich in der Ausstellung, wie etwa eine Erste-Hilfe-Kiste für Eisenbahn-Unfälle. Diese enthielt laut dem mit Schreibmaschine getippten Inhaltsverzeichnis unter anderem: „1 Pkg. Speisesoda 150g, zur Verabfolgung an nicht Bewusstlose bei Hochspannungsunfällen (siehe Gebrauchsanweisung)“. Eine schnelle Internet-Recherche ergab nur, dass diese Behandlung wohl heutzutage nicht mehr angewandt wird.

Überblick in der Eisenbahnausstellung mit Modellen im Vorder- und Hintergrund und an einer zentralen Säule ein Signal mit der Aufschrift „Halt für Verschubfahrten“

Nach einer Kaffeepause nutzten wir noch den Rest der Öffnungszeit aus, um durch die Ausstellung Materialwelten zu spazieren, leider war ich da nicht mehr besonders aufnahmefähig. Themeninseln mit verschiedensten Produkten beschäftigen sich mit den Materialien, die unseren Alltag bestimmen. Da liegt etwa ein iPhone neben einem Muster-Reisepass und ein Cochlea-Implantat neben einem Game Boy. In allen diesen Produkten wird Silizium verarbeitet, das essentiell für die Herstellung von Computerchips ist. (Der Reisepass enthält einen RFID-Chip.)

Überblick zur Ausstellung Materialwelten mit dem Titel von der Decke hängend, zentral im Vordergrund ein aufgeschnittener Baumstamm, der die Verarbeitung in einzelne Holzbalken verschiedener Größe veranschaulicht

Ein paar Schlaglichter:

  • In einem runden Schaukasten findet sich die Google Glass Brille direkt neben dem Buch Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus von Shoshana Zuboff.
  • Das Periodensystem der Elemente ist in einem großen Schaukasten abgebildet, ich habe ein Detailfoto des Elements Neodymium (60 Nd) gemacht, ein bläuliches Pulver in einem Flakon.
  • Gleich an zwei Stellen habe ich bewachsene Seekabel aus der Adria entdeckt – Muscheln, Korallen und andere Meereslebewesen haben sich an diesen Kabeln angesiedelt.
  • Ein großer Schaukasten zeigt den Anstieg der Kunststoffproduktion anhand verschiedener Produkte, die daraus gefertigt werden. Zu erkennen sind etwa eine Billardkugel, eine Schallplatte und ein 3D-gedruckter Buddha mit Kopf von The Rock (wie ich vom Mitcacher erfuhr, ist das ein Meme in der 3D-Druck-Welt).
Glaskasten mit Kunststoffprodukten in verschiedenen Farben auf Säulen, diese veranschaulichen den weltweiten Anstieg der Kunststoffproduktion im Zeitverlauf

Die Eisenbahn-Ausstellung war interessant, hat mich aber nicht besonders beeindruckt. Für die Materialwelten hätte ich gerne mehr Zeit und Aufmerksamkeit gehabt; und auch die anderen aktuellen Themenausstellungen zu Wissenschaft im Wandel und Kreislaufwirtschaft klingen interessant. Der Kaffee im Museumscafé schmeckte leider etwas verbrannt. Das Technische Museum ist aber in jedem Fall einen Besuch wert.