CN (möglicherweise unvollständig): Femizid, sexuelle Belästigung, Tod von Vater und Bruder, Drogenmissbrauch, Depression, Patriarchat, Mobbing
Suddenly, she was every sister of every murdered girl they ever put on the news
Allein schon den Rahmen der Geschichte zu beschreiben, erscheint kompliziert. Die Erzählerin Bodie Kane kommt als Erwachsene zurück an das Internat, das sie als Jugendliche besucht hat, um dort zwei Sonderkurse zu betreuen. Während ihrer Schulzeit dort wurde ein Mädchen ermordet – ein Trauma, das Bodie nie ganz losgelassen hat. Im Rahmen ihres Podcast-Workshops wird das Thema von einer Schülerin aufgegriffen und Bodies Zweifel an der Schuld des verhafteten Täters schlagen Wurzeln in den Köpfen der Jugendlichen. Wichtig ist auch, dass Bodie ihre Erzählung an einen ehemaligen Lehrer richtet, den sie verdächtigt. An ihn richten sich die Fragen aus dem Titel des Buchs.
Neben dieser, aber auch durch diese Geschichte ist das Buch eine umfassende Reflexion über das Patriarchat und das männliche Gesellschaftsbild, das Fälle wie diesen ermöglicht. Im Buch werden immer wieder Beispiele von sexuellem Missbrauch oder Femizid aufgezählt: so viele Fälle, bei denen die Täter davon kommen, bei denen den Opfern die Schuld gegeben wird. All die faulen Ausreden, die wir schon tausendfach gehört haben (sie hätte sich nicht so anziehen sollen, sie hätte nicht allein unterwegs sein sollen, sie hätte nicht so viel trinken sollen, …) und die davon ablenken wollen, dass ein Mann einer Frau Gewalt angetan hat.
In einer Nebenhandlung wird Bodie mit dem Thema auf andere Art konfrontiert. Ihr Ex-Mann wird öffentlich beschuldigt, Jahre früher eine Frau belästigt zu haben und wird dadurch Ziel eines Shitstorms. Dadurch wird auch das Problem falscher Anschuldigungen angeschnitten und Bodie muss ihre eigenen Glaubenssätze hinterfragen. Warum glaubt sie anderen Frauen, aber nicht dieser? Warum relativiert sie das Geschehen, weil jetzt ihr Ex-Mann und durch den öffentlichen Aufschrei auch das gemeinsame Unternehmen unter Beschuss steht? Ihre persönliche Betroffenheit ermöglicht eine neue Perspektive auf das leider so präsente Thema.
Via Kaltmamsell bin ich auf diesen Text von Jasmin Schreiber gestoßen: Die Schuldvermutung. Darin nennt sie Zahlen und aktuelle Beispiele, stellt aber eben auch Überlegungen zur Unschuldsvermutung dar, die oft als Schuldvermutung gegenüber dem Opfer ausgelegt wird.
Doch wie spricht man darüber, Opfer beispielsweise sexueller oder häuslicher Gewalt geworden zu sein? Denn diese Frauen müssen sich fragen, ob ihre Aussage juristisch haltbar ist. Ob sie glaubwürdig klingen werden. Ob ihre Vergangenheit gegen sie verwendet werden kann.
Jasmin Schreiber endet mit einem Aufruf an all die Männer, die „keine von denen“ sein wollen. Ich schließe mich dem an: Ihr „anständigen“ Männer, schaut nicht weg und macht den Mund auf, wenn ihr etwas beobachtet oder hört. Weist andere Männer darauf hin, wenn sie frauenfeindliche, sexistische Witze machen. Stellt euch nicht (nur) an die Seite der Frauen, stellt euch vor sie und tragt euren Teil zu einer gerechteren Gesellschaft bei. Überlegt euch bei der nächsten Wahl, welcher Partei ihr zutraut, für eine Gesellschaft zu arbeiten, die Frauen und Mädchen ernst nimmt. Sprecht mit euren Freunden und Familienmitgliedern und positioniert euch. Es gibt so viel zu tun.






